Enzyklopädieartikel



Redaktioneller Lebenslauf

1 Einleitung



Christoph Martin Wieland (1733-1813), deutscher Schriftsteller. Er gilt neben Gotthold Ephraim Lessing als bedeutendster Dichter der deutschen Aufklärung und zählt zu den Wegbereitern der deutschen Klassik (Weimarer Klassik).

Wieland wurde am 5. September 1733 als Sohn eines pietistischen Landpfarrers in Oberholzheim nahe der schwäbischen Reichsstadt Biberach geboren. Er besuchte die Lateinschule in Biberach und wurde zusätzlich von seinem Vater und Privatlehrern unterrichtet, so dass er bereits mit zwölf Jahren Vergil und Horaz las und auch eigene deutsche und lateinische Verse verfasste. Vierzehnjährig wurde er ins pietistische Internat Kloster Berge bei Magdeburg geschickt; die fromme christliche Erziehung des Elternhauses und des Internats prägte ihn tief und machte ihn zu einem großen Verehrer Friedrich Gottlieb Klopstocks. 1750 verlobte Wieland sich mit seiner entfernten Cousine Sophie von Gutermann (der späteren Schriftstellerin Sophie von La Roche, Großmutter von Clemens Brentano und Bettina von Arnim). Auch wenn das schwärmerisch eingegangene Verlöbnis nicht von Bestand war, blieben die beiden einander in lebenslanger Freundschaft verbunden; Sophie war es auch, die Wieland zur Veröffentlichung eines ersten Werkes ermunterte, Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt (1752), ein Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit preisendes Lehrgedicht in Alexandrinern.

1750 begann Wieland dem Wunsch seiner Eltern gemäß ein Jurastudium in Tübingen, das er bald zugunsten einer von religiösem Enthusiasmus gekennzeichneten literarischen Tätigkeit vernachlässigte. 1752 schickte er sein (unvollendetes) hexametrisches Heldenepos Hermann an Johann Jakob Bodmer; der daraus erwachsene Briefwechsel mit dem angesehenen Schweizer Schriftsteller mündete in einer Einladung nach Zürich. Wieland brach sein Studium ab und lebte von 1752 bis 1754 im Hause seines Förderers, wo er eine Reihe schwärmerisch-sentimentaler Dichtungen schuf (Anti-Ovid, 1752). 1754 nahm er eine Stelle als Hauslehrer in Zürich an, wo er mit seinen fromm-empfindsamen Schriften (Empfindungen eines Christen, 1757) zum umschwärmten Mittelpunkt eines Zirkels belesener älterer Damen wurde. Mit dem Trauerspiel Lady Johanna Gray (1758) schuf er hier das erste deutsche Blankversdrama.

1760 wurde Wieland Senator der Reichsstadt Biberach. Hier wandelte er sich vom pietistischen Spiritualisten zum überzeugten Freidenker – eine Entwicklung, die durch seine regelmäßigen Besuche auf dem benachbarten Schloss Warthausen angestoßen wurde, wo Friedrich Graf Stadion das freizügig-elegante Leben der französischen Fürstenhöfe zu kopieren suchte. Die Zuwendung zur der „Weltlichkeit” verpflichteten Kunst des französischen Rokokos machte Wieland zum Protagonisten dieser literarischen Kleinepoche in Deutschland. Während er in seinen Dichtungen die Freude am lockeren Leben und den Genuss des Daseins pries, verlief sein eigenes Leben indes in geordneten bürgerlichen, sittenstrengen Bahnen: 1765 heiratete er die hausbackene Augsburger Kaufmannstochter Anna Dorothea von Hillenbrand; aus der Ehe gingen 14 Kinder hervor.

1769 folgte Wieland einem Ruf als Professor für Philosophie an die Universität Erfurt. Durch seine Lehrtätigkeit wurde er zur Beschäftigung mit gesellschafts- und geschichtsphilosophischen Fragestellungen angeregt; daraus resultierte der Staatsroman Der goldene Spiegel (1772). Dieser machte die Herzogin Anna Amalia auf Wieland aufmerksam, die ihn 1772 als Erzieher ihrer Söhne nach Weimar berief. Diese Position sicherte Wieland eine lebenslange lukrative Pension, wodurch er sich mit seiner Familie in Weimar niederlassen und sich nach Beendigung der Aufgabe als Prinzenerzieher 1775 ohne wirtschaftliche Sorgen ganz seiner literarischen Arbeit widmen konnte. Mit Wielands Übersiedlung nach Weimar begann der Aufstieg der Residenzstadt zum Zentrum der deutschen Literatur. Wieland begeisterte die Herzogin und ihre Söhne für die Literatur und hatte maßgeblichen Anteil an der Ausgestaltung der Residenz zum Musenhof. Erbprinz Carl August holte 1775 Johann Wolfgang von Goethe (mit dem sich Wieland dauerhaft befreundete) und 1776 Johann Gottfried von Herder nach Weimar; 1799 folgte Friedrich Schiller. In Weimar konnte Wieland den lang gehegten Plan einer deutschen Literaturzeitschrift verwirklichen: Ab 1773 gab er (nach dem Vorbild des Pariser Mercure de France) den Teutschen Merkur heraus, die erste bedeutende literarische Zeitschrift Deutschlands.

Mitte der siebziger Jahre zog Wieland sich zunehmend aus dem öffentlichen literarischen Leben zurück, um dem aufkommenden literarischen Stil des Sturm und Drang, dem er nicht angehören wollte, nicht im Wege zu stehen. Ab 1794 erschien im Verlag von Georg Joachim Göschen in Leipzig eine die literarischen wie die publizistischen Arbeiten enthaltende Werkausgabe Wielands in 42 Bänden – ein Monument, wie es keinem anderen deutschen Schriftsteller je zu Lebzeiten errichtet wurde. Von den Einkünften daraus kaufte Wieland 1797 das Gut Oßmannstedt zwischen Weimar und Apolda, wohin er sich mit seiner Familie zurückzog. Dort starb 1800 zuerst die zu Besuch weilende junge Enkelin seiner Jugendliebe Sophie La Roche, Sophie Brentano, im November 1801 dann seine Ehefrau. Nach diesen beiden Schicksalsschlägen beendete Wieland das Idyllenleben und zog 1803 zurück nach Weimar. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich vor allem der Übersetzung klassischer Autoren (u. a. Aristophanes, Euripides, Xenophon und Cicero), mit denen er die deutsche Nation vertraut machen wollte. Wieland starb am 20. Januar 1813 in Weimar. Er wurde seinem Wunsch gemäß neben seiner Ehefrau und Sophie Brentano im Park von Gut Oßmannstedt bestattet.

2 Werk



Wieland war einer der einflussreichsten und der meistgelesene Schriftsteller seiner Zeit. Auch wenn er infolge der späteren romantischen Kritik an seinem Werk (die Brüder Schlegel warfen ihm mangelnde Originalität vor und bezeichneten ihn als Plagiator sowie als „negativen Classiker”) seit dem 19. Jahrhundert kaum noch wahrgenommen wurde, ist seine Bedeutung für die deutsche Literatur kaum hoch genug einzuschätzen. Das Lebenswerk des produktiven Dichters reicht von der Aufklärung (Napoleon bewunderte Wieland als „deutschen Voltaire”) über die Empfindsamkeit und das Rokoko bis hin zur Weimarer Klassik, deren Wegbereiter er war. Vor allem mit seinen Romanen, in denen er französische, englische, spanische und italienische Einflüsse verarbeitete und das „Vernünftige” der Aufklärung mit der spielerisch-leichten Grazie und lebensfrohen Sinnlichkeit des Rokoko verband, erschloss er eine Fülle literarischer Ausdrucksformen und trug zur Ausbildung einer eigenständigen modernen deutschen Erzählprosa bei. Mit neuartigen ästhetischen Mitteln nach dem Vorbild von Cervantes und Fielding wie erlebter Rede, direkter Ansprache des Lesers, Reflexion über das Erzählen im Erzählen, Perspektivenvielfalt und Brechung der Chronologie bahnte er einer komplexen Erzählkunst in der deutschen Literatur den Weg.

In seinem ersten, in der freizügigen Biberacher Zeit entstandenen Roman Der Sieg der Natur über die Schwärmerey oder die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva (1764) setzte Wieland sich satirisch mit seiner eigenen früheren Frömmigkeit auseinander. 1766/67 erschien sein Hauptwerk, der Roman Geschichte des Agathon, der von der Erziehung eines jungen Mannes berichtet. Das in der ersten Fassung zweibändige Werk, das Wieland in den folgenden Jahrzehnten noch zweimal erweiterte, ist der erste große Bildungsroman der deutschen Literatur (Muster für Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre) und gilt als Vorgänger des modernen psychologischen Romans. Mit den beiden genannten Romanen und den Verserzählungen Musarion oder Die Philosophie der Grazien (1768), Idris (1768), Die Grazien (1770) und Der neue Amadis (1771) beschritt Wieland weiter den seinen Jugendanschauungen entgegengesetzten Weg des anmutig-leichten Lobes von Sinnlichkeit und heiterer Weltfreude. Seine in Weimar entstandenen Werke wie die Romane Die Abderiden (1774-1780), der erste bedeutende bürgerliche Roman, eine bissige Satire auf kleinstädtische Selbstzufriedenheit, Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus (1791) und Agathodämon (1796/97) sowie das geistreiche Versepos Oberon (1780), eines seiner bedeutendsten lyrischen Werke, haben die lüsterne Sinnlichkeit seiner mittleren, dem Rokoko verpflichteten Schaffensphase überwunden und nähern sich dem Humanitätsideal der Klassik.

Große literarhistorische Bedeutung kommt Wieland auch durch die Gründung und Herausgeberschaft der ersten literarischen Zeitschrift Deutschlands Teutscher Merkur (1773-1789) zu. In diesem viel beachteten und äußerst angesehenen Periodikum erstveröffentlichte er seine eigenen dichterischen Arbeiten und entfaltete eine ausgedehnte kritische Tätigkeit, die sich auf die gesamte deutsche und auch internationale Literatur erstreckte. Von großem Einfluss war Wieland auch als Übersetzer: Zwischen 1762 und 1766 übersetzte er 22 Dramen von Shakespeare und förderte damit wesentlich dessen Rezeption im deutschen Sprachraum (Herder, Goethe und Schiller lernten Shakespeare erst durch diese Prosaübersetzungen kennen); seine Inszenierung von Der Sturm in Biberach war die erste Shakespeare-Aufführung überhaupt in Deutschland. In seinen letzten Lebensjahren war Wieland mit seinen Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen zudem maßgeblich an der Wiederentdeckung der klassischen Antike beteiligt.



Quelle: "Christoph Martin Wieland," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2009
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