Der goldne Spiegel
Geschichte der Abderiten
Geschichte des Agathon
Auszüge aus: Der goldne Spiegel



Der goldne Spiegel von C. M. Wieland

Christoph Martin Wieland
Der goldne Spiegel
oder
Die Könige von Scheschian
Eine wahre Geschichte aus dem Scheschianischen übersetzt

– – Inspicere tanquam
In speculum jubeo –
Zueignungsschrift des sinesischen Übersetzers an den Kaiser Tai-Tsu

Glorwürdigster Sohn des Himmels!

Ihrer Majestät lebhaftestes Verlangen ist Ihre Völker glücklich zu sehen. Dies ist das einzige Ziel Ihrer unermüdeten Bemühungen; es ist der große Gegenstand Ihrer Beratschlagungen, der Inhalt Ihrer Gesetze und Befehle, die Seele aller löblichen Unternehmungen, die Sie anfangen und – ausführen, und das, was Sie von allem Bösen abhält, welches Sie nach dem Beispiel andrer Großen der Welt tun könnten, und – nicht tun.

Wie glücklich müßten Sie selbst sein, Bester der Könige, wenn es gleich leicht wäre, ein Volk glücklich zu wünschen, und es glücklich zu machen! wenn Sie, wie der König des Himmels, nur wollen dürften, um zu vollbringen, nur sprechen, um Ihre Gedanken in Werke verwandelt zu sehen!

Aber wie unglücklich würden Sie vielleicht auch sein, wenn Sie wissen sollten, in welcher Entfernung, bei allen Ihren Bemühungen, die Ausführung hinter Ihren Wünschen zurück bleibt! Die unzählige Menge der Gehilfen von so mancherlei Klassen, Ordnungen und Arten, unter welche Sie genötiget sind Ihre Macht zu verteilen, weil auch den unumschränktesten Monarchen die Menschheit Schranken setzt; die Notwendigkeit, sich beinahe in allem auf die Werkzeuge Ihrer wohltätigen Wirksamkeit verlassen zu müssen, macht Sie – erschrecken Sie nicht vor einer unangenehmen aber heilsamen Wahrheit! – macht Sie zum abhänglichsten aller Bewohner Ihres unermeßlichen Reiches. Nur zu oft steht es in der Gewalt eines Ehrgeizigen, eines Heuchlers, eines Rachgierigen, eines Unersättlichen, – doch, wozu häufe ich die Namen der Leidenschaften und Laster, da ich sie alle in Einem Worte zusammen fassen kann? eines Menschen – in Ihrem geheiligten Namen gerade das Gegenteil von Ihrem Willen zu tun! An jedem Tage, in jeder Stunde, beinahe dürft ich sagen in jedem Augenblick Ihrer Regierung, wird in dem weiten Umfang Ihrer zahlreichen Provinzen irgend eine Ungerechtigkeit ausgeübt, ein Gesetz verdreht, ein Befehl übertrieben oder ihm ausgewichen, ein Unschuldiger unterdrückt, ein Waise beraubt, ein Verdienstloser befördert, ein Bösewicht geschützt, die Tugend abgeschreckt, das Laster aufgemuntert.

Was für ein Ausdruck von Entsetzen würde mir aus den Blicken Ihrer Höflinge entgegen starren, wenn sie mich so verwegen reden hörten! Wie sollt es möglich sein, daß unter einem so guten Fürsten das Laster sein Haupt so kühn empor heben, und ungestraft so viel Böses tun dürfte? Die bloße Voraussetzung einer solchen Möglichkeit scheint eine Beleidigung Ihres Ruhmes, eine Beschimpfung Ihrer glorreichen Regierung zu sein. – Vergeben Sie, Gnädigster Oberherr! Ungestraft, aber nicht öffentlich und triumphierend, hebt das Laster sein Haupt empor; denn das Angesicht, das es zeigt, ist nicht sein eigenes; es nimmt die Gestalt der Gerechtigkeit, der Gnade, des Eifers für Religion und Sitten, der Wohlmeinung mit dem Fürsten und dem Staate, kurz die Gestalt jeder Tugend an, von welcher es der ewige Feind und Zerstörer ist. Seine Geschicklichkeit in dieser Zauberkunst ist unerschöpflich, und kaum ist es möglich, daß die Weisheit des besten Fürsten sich gegen ihre Täuschungen hinlänglich verwahren könnte. Ihre Majestät glaubten vielleicht das Urteil eines Übeltäters zu unterschreiben, und unterschrieben den Sturz eines Tugendhaften, dessen Verdienste sein einziges Verbrechen waren. Sie glaubten einen ehrlichen Mann zu befördern, und beförderten einen schändlichen Gleisner. Doch, dies sind Wahrheiten, wovon Sie nur zu sehr überzeugt sind. Sie beklagen das unglückliche Los Ihres Standes. Wem soll man glauben? Tugend und Laster, Wahrheit und Betrug haben einerlei Gesicht, reden einerlei Sprache, tragen einerlei Farbe; ja, der feine Betrüger (das schädlichste unter allen schädlichen Geschöpfen) weiß das äußerliche Ansehen gesunder Grundsätze und untadeliger Sitten gemeiniglich besser zu behaupten als der redliche Mann. Jener ist es, der die Kunst ausgelernt hat, seine Leidenschaften in die innersten Höhlen seines schwarzen Herzens zu verschließen, der am besten schmeicheln, am behendesten sich jeder Vorteile bedienen kann, die ihm die schwache Seite seines Gegenstandes zeigt. Seine Gefälligkeit, seine Selbstverleugnung, seine Tugend, seine Religion kostet ihm nichts; denn sie ist nur auf seinen Lippen, und in den äußerlichen Bewegungen, die sein Inwendiges verbergen: er hält sich reichlich für seine Verstellung entschädiget, indem er unter dieser Maske jeder bösartigen Leidenschaft genug tun, jeden niederträchtigen Anschlag ausführen, und mit einer ehernen Stirne noch Belohnung für seine Übeltaten fodern kann. Ist es zu verwundern, o Sohn des Himmels, daß so viele sind, die alle andere Talente verabsäumen, alle rechtmäßige und edle Wege zu Ansehen und Glück vorbei gehen, und mit aller ihrer Fähigkeit allein dahin sich bestreben, es in der Kunst zu betrügen zur Vollkommenheit zu bringen?

Aber wie? Sollte der Fürst, der die Wahrheit liebt, wiewohl auf allen Seiten mit Larven und Blendwerken umgeben, verzweifeln müssen, jemals ihr unverfälschtes Antlitz von dem geschminkten Betrug unterscheiden zu können? Das verhüte der Himmel! Wer die Wahrheit aufrichtig liebt (und was kann ohne sie liebenswürdig sein?), wer auch als dann sie liebt, wenn sie nicht schmeichelt, der hat nur geübte Augen vonnöten, um ihre feineren Züge zu unterscheiden, welche selten so gut nachgemacht werden können, daß die Kunst sich nicht verraten sollte. Und um diese geübten Augen zu bekommen – ohne welche das beste Herz uns nur desto gewisser und öfter der arglistigen Verführung in die Hände liefert –, ist kein bewährteres Mittel, als die Geschichte der Weisheit und der Torheit, der Meinungen und der Leidenschaften, der Wahrheit und des Betrugs, in den Jahrbüchern des menschlichen Geschlechts auszuforschen. In diesen getreuen Spiegeln erblicken wir Menschen, Sitten und Zeiten, entblößt von allem demjenigen, was unser Urteil zu verfälschen pflegt, wenn wir selbst in das verwickelte Gewebe des gegenwärtigen Schauspiels eingeflochten sind. Oder, wofern auch Einfalt oder List, Leidenschaften oder Vorurteile geschäftig gewesen sind uns zu hintergehen: so ist nichts leichter, als den falsch gefärbten Duft wegzuwischen, womit sie die wahre Farbe der Gegenstände überzogen haben.

Die echtesten Quellen der Geschichte der menschlichen Torheiten sind die Schriften derjenigen, welche die eifrigsten Beförderer dieser Torheiten waren. Der Mißbrauch, den sie von der Bedeutung der Wörter machen, betrügt unser Urteil nicht: sie mögen immerhin widersinnige Dinge mit der gelassensten Ernsthaftigkeit erzählen, selbst noch so stark davon überzeugt sein, oder überzeugt zu sein scheinen; dies hindert uns nicht, lächerlich zu finden was den allgemeinen Menschenverstand zum Toren machen will. Immerhin mag ein von sich selbst betrogener Schwärmer die Natur der sittlichen Dinge verkehren wollen, und lasterhafte, ungerechte, unmenschliche Handlungen löblich, heroisch, göttlich nennen, rechtmäßige und unschuldige hingegen mit den verhaßtesten Namen belegen: nach Verfluß einiger Jahrhunderte kostet es keine Mühe, durch den magischen Nebel, der den Schwärmer blendete, hindurch zu sehen. Kon-Fu-Tsee könnte ihm ein Betrüger, und Lao-Kiun ein weiser Mann heißen: sein Urteil würde die Natur der Sache, und die Eindrücke, welche sie auf eine unbefangene Seele machen muß, nicht ändern; der Charakter und die Handlungen dieser Männer würden uns belehren, was wir von ihnen zu halten hätten.

Aus diesem Grund empfehlen uns die ehrwürdigen Lehrer unsrer Nation die Geschichte der ältern Zeiten als die beste Schule der Sittenlehre und der Staatsklugheit, als die lauterste Quelle dieser erhabenen Philosophie, welche ihre Schüler weise und unabhängig macht, und, indem sie das was die menschlichen Dinge scheinen von dem was sie sind, ihren eingebildeten Wert von dem wirklichen, ihr Verhältnis gegen das allgemeine Beste von ihrer Beziehung auf den besondern Eigennutz der Leidenschaften, unterscheiden lehrt, uns ein untrügliches Mittel wider Selbstbetrug und Ansteckung mit fremder Torheit darbietet; einer Philosophie, in welcher niemand ohne Nachteil ganz ein Fremdling sein kann, aber welche, in vorzüglichem Verstande, die Wissenschaft der Könige ist.

Überzeugt von dieser Wahrheit widmen Sie, Bester der Könige, einen Teil der Stunden, welche die unmittelbare Ausübung Ihres verehrungswürdigen Amtes Ihnen übrig läßt, der nützlichen und ergetzenden Beschäftigung, Sich mit den Merkwürdigkeiten der vergangenen Zeiten bekannt zu machen, die Veränderungen der Staaten in den Menschen, die Menschen in ihren Handlungen, die Handlungen in den Meinungen und Leidenschaften, und in dem Zusammenhang aller dieser Ursachen den Grund des Glückes und des Elendes der menschlichen Gattung zu erforschen.

Irre ich nicht, so ist die Geschichte der Könige von Scheschian, welche ich hier zu Ihrer Majestät Füßen lege, nicht ganz unwürdig, unter die ernsthaften Ergetzungen aufgenommen zu werden, bei welchen Ihr niemals untätiger Geist von der Ermüdung höherer Geschäfte auszuruhen pflegt. Große, dem ganzen Menschengeschlecht angelegene Wahrheiten, merkwürdige Zeitpunkte, lehrreiche Beispiele, und eine getreue Abschilderung der Irrungen und Ausschweifungen des menschlichen Verstandes und Herzens, scheinen mir diese Geschichte vor vielen andern ihrer Art auszuzeichnen, und ihr den Titel zu verdienen, womit das hohe Ober-Polizei-Gericht von Sina sie beehrt hat; eines Spiegels, worin sich die natürlichen Folgen der Weisheit und der Torheit in einem so starken Lichte, mit so deutlichen Zügen und mit so warmen Farben darstellen, daß derjenige in einem seltenen Grade weise und gut – oder töricht und verdorben sein müßte, der durch den Gebrauch desselben nicht weiser und besser sollte werden können.

Hingerissen von der Begierde, den Augenblick von Dasein, den uns die Natur auf diesem Schauplatze bewilliget, wenigstens mit einem Merkmale meines guten Willens für meine Nebengeschöpfe zu bezeichnen, hab ich mich der Arbeit unterzogen, dieses merkwürdige Stück alter Geschichte aus der indischen Sprache in die unsrige überzutragen; und in dieses Bewußtsein einer redlichen Gesinnung eingehüllt, überlaß ich dieses Buch und mich selbst dem Schicksale, dessen Unvermeidlichkeit mehr Tröstendes als Schreckendes für den Weisen hat; ruhig unter dem Schutz eines Königs, der die Wahrheit liebt und die Tugend ehrt, glücklich durch die Freundschaft der Besten unter meinen Zeitgenossen, und so gleichgültig, als es ein Sterblicher sein kann, gegen –

Einleitung

Einleitung

Alle Welt kennt den berühmten Sultan von Indien, Schach-Riar, der, aus einer wunderlichen Eifersucht über die Negern seines Hofes, alle Nächte eine Gemahlin nahm, und alle Morgen eine erdrosseln ließ; und der so gern Märchen erzählen hörte, daß ihm in tausend und einer Nacht kein einziges Mal einfiel, die unerschöpfliche Scheherezade durch irgend eine Ausrufung, Frage oder Liebkosung zu unterbrechen, so viele Gelegenheit sie ihm auch dazu zu geben beflissen war.

Ein so unüberwindliches Phlegma war nicht die Tugend oder der Fehler seines Enkels Schach-Baham, der (wie jedermann weiß) durch die weisen und scharfsinnigen Anmerkungen, womit er die Erzählungen seiner Visire zu würzen pflegte, ungleich berühmter in der Geschichte geworden ist, als sein erlauchter Großvater durch sein Stillschweigen und seine Untätigkeit. Schach-Riar gab seinen Höflingen Ursache, eine große Meinung von demjenigen zu fassen, was er hätte sagen können, wenn er nicht geschwiegen hätte; aber sein Enkel hinterließ den Ruhm, daß es unmöglich sei, und ewig unmöglich bleiben werde, solche Anmerkungen oder Reflexionen (wie er sie zu nennen geruhte) zu machen wie Schach-Baham.

Wir haben uns alle Mühe gegeben die Ursache zu entdecken, warum die Schriftsteller, denen wir das Leben und die Taten dieser beiden Sultanen zu danken haben, von Schach-Riars Sohne, dem Vater Schach-Bahams, mit keinem Wort Erwähnung tun: aber wir sind nicht so glücklich gewesen einen andern Grund davon ausfündig zu machen, als – weil sich in der Tat nichts von ihm sagen ließ. Der einzige Chronikschreiber, der seiner gedenkt, läßt sich also vernehmen: »Sultan Lolo«, sagt er, »vegetierte einundsechzig Jahre. Er aß täglich viermal mit bewundernswürdigem Appetit, und außer diesem, und einer sehr zärtlichen Liebe zu seinen Katzen, hat man niemals einige besondere Neigung zu etwas an ihm wahrnehmen können. Die Derwischen und die Katzen sind die einzigen Geschöpfe in der Welt, welche Ursache haben, sein Andenken zu segnen. Denn er ließ, ohne jemals recht zu wissen warum, zwölfhundertundsechsunddreißig neue Derwischereien, jede zu sechzig Mann, in seinen Staaten erbauen; machte in allen größern Städten des indostanischen Reiches Stiftungen, worin eine gewisse Anzahl Katzen verpflegt werden mußte; und sorgte für diese und jene so gut, daß man in ganz Asien keine fettern Derwischen und Katzen sieht, als die von seiner Stiftung. [Fußnote] Ein gewisser persischer Autor gerät bei Erwähnung dieser Stiftungen Schach-Lolos in eine seltsame Aufwallung. »Kann man«, ruft er aus, »sich sogar im heißesten Fieber einfallen lassen, solche Stiftungen zu machen? Es gehört doch wohl zum Wesen einer Stiftung, daß sie dem Staate nützlich sei? Sultan Lolos Stiftungen mußten gerade die entgegen gesetzte Wirkung tun. Hätte er seine Derwischen und seine Katzen ihrem Schicksal überlassen, so ist Hundert an Eins zu setzen, jene hätten arbeiten müssen, und diese Ratten gefangen, und so hätten beide dem Staat Dienste getan. Welch ein Einfall, sie fett zu machen, damit sie müßig gingen! Gleichwohl was die Katzen betrifft, möcht es noch hingehen; ihr Fett ist doch zu etwas nütze. Aber Derwischenfett! Was soll man mit Derwischenfett anfangen?«

Schek Seif al Horam,
Geschichte der Torheit 364. Teil S. 538.

Er zeugte übrigens zwischen Wachen und Schlaf einen Sohn, der ihm unter dem Namen Schach-Baham in der Regierung folgte, und starb an einer Unverdaulichkeit.« So weit dieser Chronikschreiber, der einzige, der von Sultan Lolo Meldung tut; und, in der Tat, wir besorgen, was er von ihm sagt, ist noch schlimmer als gar nichts.

Sein Sohn Schach-Baham hatte das Glück bis in sein vierzehntes Jahr von einer Amme erzogen zu werden, deren Mutter eben dieses ehrenvolle Amt bei der unnachahmlichen Scheherezade verwaltet hatte. Alle Umstände mußten sich vereinigen, diesen Prinzen zum unmäßigsten Liebhaber von Märchen, den man je gekannt hat, zu machen. Nicht genug, daß ihm der Geschmack daran mit der ersten Nahrung eingeflößt, und der Grund seiner Erziehung mit den weltberühmten Märchen seiner Großmutter gelegt wurde: das Schicksal sorgte auch dafür, ihm einen Hofmeister zu geben, der sich in den Kopf gesetzt hatte, daß die ganze Weisheit der Ägypter, Chaldäer und Griechen in Märchen eingewickelt liege.

Es herrschte damals die löbliche Gewohnheit in Indien, sich einzubilden, der Sohn eines Sultans, Rajas, Omras, oder irgend eines andern ehrlichen Mannes von Ansehen und Vermögen, könne von niemand als von einem Fakir erzogen werden. Wo man einen jungen Menschen von Geburt erblickte, durfte man sicher darauf rechnen, daß ihm ein Fakir an der Seite hing, der auf alle seine Schritte, Reden, Mienen und Gebärden Acht haben, und sorgfältig verhüten mußte, daß der junge Herr nicht – zu vernünftig werde. Denn es war eine durchgängig angenommene Meinung, daß einer starken Leibesbeschaffenheit, einer guten Verdauung, und der Fähigkeit sein Glück zu machen, nichts so nachteilig sei, als viel denken und viel wissen; und man muß es den Derwischen, Fakirn, Santonen, Braminen, Bonzen und Talapoinen der damaligen Zeiten nachrühmen, daß sie kein Mittel unversucht ließen, die Völker um den Indus und Ganges vor einem so schädlichen Übermaße zu bewahren. Es war einer von ihren Grundsätzen, gegen die es gefährlich war Zweifel zu erregen: Niemand müsse klüger sein wollen als seine Großmutter.

Man wird nun begreifen, wie Schach-Baham bei solchen Umständen ungefähr der Mann werden mußte, der er war. Man hat bisher geglaubt, die einsichtsvollen Betrachtungen, die abgebrochenen und mit viel bedeutenden Mienen begleiteten – »das dacht ich gleich« – »ich sage nichts, aber ich weiß wohl was ich weiß« – oder, »doch was kümmert das mich?« und andre dergleichen weise Sprüche, an denen er einen eben so großen Überfluß hat als Sancho Pansa an Sprichwörtern –, nebst seinem Widerwillen gegen das, was er Moral, und Empfindung spinnen nennt, wären bloße Wirkungen seines Genies gewesen. Aber einem jeden das Seine! Man kann sicher glauben, daß der Fakir, sein Hofmeister, keinen geringen Anteil daran hatte.

Der Sohn und Erbe dieses würdigen Sultans, Schach-Dolka, glich seinem Vater an Fähigkeit und Neigungen beinahe in allen Stücken, ein einziges ausgenommen. Er war nämlich ein erklärter Feind von allem, was einem Märchen gleich sah, und setzte diesem Haß um so weniger Grenzen, da er bei Lebzeiten des Sultans seines Vaters genötiget gewesen war, ihn aufs sorgfältigste zu verbergen. Wir würden uns, nach dem Beispiele vieler berühmter Schriftsteller, über diese Ausartung gar sehr verwundern, wenn uns nicht deuchte, daß es ganz natürlich damit zugegangen sei. Sultan Dolka hatte in dem Zimmer der Sultanin seiner Mama (wo Schach-Baham die Abende mit Papierausschneiden, und Anhören lehrreicher Historien von beseelten Sofas, politischen Bals, und empfindsamen Gänschen in rosenfarbem Domino, zuzubringen pflegte) von seiner Kindheit an so viele Märchen zu sich nehmen müssen, daß er sich endlich einen Ekel daran gehört hatte. Dies war das ganze Geheimnis; und uns deucht, es ist nichts darin, worüber man sich so sehr zu verwundern Ursache hätte.

Vermutlich ist aus dieser tödlichen Abneigung vor den Erzählungen des Visirs Moslem die außerordentliche Ungnade zu erklären, welche er auf die Philosophie, und überhaupt auf alle Bücher, sie mochten auf Pergament oder Palmblätter geschrieben sein, geworfen hatte; eine Ungnade, die so weit ging, daß er nur mit der äußersten Schwierigkeit zurück gehalten werden konnte, nicht etwa bloß die Poeten (wie Plato), sondern alle Leute, welche lesen und schreiben konnten, aus seiner Republik zu verbannen; selbst die Mathematiker und Sterngucker nicht ausgenommen, welche ihm wegen der aerometrischen und astronomischen Erfindungen des Königs Strauß im Herzen zuwider waren. Man sagt von ihm, als der vorbelobte Visir die Geschichte des Krieges zwischen dem Genie Grüner als Gras und dem Könige der grünen Länder in seiner Gegenwart erzählt habe, hätte der junge Prinz, der damals kaum siebzehn Jahre alt war, bei der Stelle, wo der Perückenkopf einen der vollständigsten Siege über den König Strauß erhält, sich nicht enthalten können auszurufen: »Das soll mir niemand weismachen, daß jemals ein Perückenkopf den Verstand gehabt hätte, eine Armee zu kommandieren!« – Eine Anmerkung, welche (wie man denken kann) von allen Anwesenden begierig aufgefaßt wurde, und, als ein frühzeitiger Ausbruch eines seltnen Verstandes an einem noch so zarten Prinzen, mit schuldiger Bewunderung am ganzen Hofe widerschallte.

Schach-Dolka rechtfertigte die Hoffnung, welche man sich nach solchen Anzeigungen von seinen künftigen Eigenschaften machte, auf die außerordentlichste Weise. Der Neid selbst mußte gestehen, daß er seinen Voreltern Ehre machte. Er war der größte Mann seiner Zeit Distelfinken abzurichten; und in der Kunst Mäuse aus Äpfelkernen zu schneiden hat die Welt bis auf den heutigen Tag seinesgleichen nicht gesehen. Durch einen unermüdeten Fleiß [Fußnote] Wir können nicht umhin, die Anmerkung zu machen, daß die Neigung sich zu beschäftigen und ein anhaltender Fleiß unter die seltensten und schätzbarsten Tugenden gehören, die ein großer Herr besitzen kann. Nur um dieser willen verdient, unsers Erachtens, Schach-Dolka einen Platz unter den besten Fürsten, die jemals den Thron gezieret haben. Was hätte er erst verdient, wenn er diesen unverdrossenen Fleiß auf die Ausübung seiner königlichen Pflichten zu verwenden hätte geruhen wollen? – Seine königlichen Pflichten? – Gegen wen? Wo hätte Schach-Dolka hernehmen sollen, daß ein König Pflichten habe?

Anmerk. des latein. Übersetzers

bracht er es in dieser schönen Kunst so hoch, daß er alle Arten von Mäusen, als Hausmäuse, Feldmäuse, Waldmäuse, Haselmäuse, Spitzmäuse, Wassermäuse und Fledermäuse, auch Ratten, Maulwürfe und Murmeltiere, mit ihren gehörigen Unterscheidungszeichen, in der äußersten Vollkommenheit verfertigte; ja, wenn man dem berühmten Schek Hamet Ben Feridun Abu Hassan glauben darf, so beobachtete er sogar die Proportionen nach dem verjüngten Maßstabe mit aller der Genauigkeit, womit Herr Daubenton in seiner Beschreibung des königlichen Naturalienkabinetts zu Paris sie zu bestimmen sich die löbliche Mühe gegeben hat.

Außerdem wurde Schach-Dolka für einen der besten Kuchenbäcker seiner Zeit gehalten, wenn ihm anders seine Hofleute in diesem Stücke nicht geschmeichelt haben; und man rühmt als einen Beweis seiner ungemeinen Leutseligkeit, daß er sich ein unverbrüchliches Gesetz daraus gemacht habe, an allen hohen Festen seinen ganzen Hof mit kleinen Rahmpastetchen von seiner eigenen Erfindung und Arbeit zu bewirten. Niemals hat man einen Sultan mit Geschäften so überhäuft gesehen, als es der arme Dolka in dem ganzen Laufe seiner Regierung war. Denn da alle Könige und Fürsten gegen Morgen und Abend so glücklich sein wollten, einige Mäuse von seiner Arbeit in ihren Kunstkabinetten, oder einen Finken aus seiner Schule in ihrem Vorzimmer zu haben; und da Schach-Dolka teils aus Gefälligkeit, teils in Rücksicht auf das launische Ding, das man Ratio status nennt, niemand vor den Kopf stoßen wollte: so hatte er wirklich (die Stunden, die er im Divan verlieren mußte, mit eingezählt) vom Morgen bis in die Nacht so viel zu tun, daß er kaum zu Atem kommen konnte.

Der Himmel weiß, ob jemals ein anderes Volk das Glück hatte, mit vier Prinzen, wie Schach-Riar, Schach-Lolo, Schach-Baham und Schach-Dolka waren, in einer unmittelbaren Folge gesegnet zu werden. »O! O! die guten Herren! die goldnen Zeiten!« – riefen ihre Omras und Derwischen.

Allein diese wackern Leute können doch auch nicht verlangen, daß es immer nach ihrem Sinne gehen solle. Schach-Gebal, ein Bruderssohn Bahams des Weisen (wie ihn seine Lobredner nannten), welcher seinem Vetter in Ermanglung eines Leibeserben folgte – denn Dolka hatte vor lauter Arbeit keine Zeit gehabt an diese Sache zu denken –, dieser Schach-Gebal unterbrach eine so schöne Folge von gekrönten guten Männern, und regierte bald so gut, bald so schlecht, daß weder die Bösen noch die Guten mit ihm zufrieden waren.

Wir wissen nicht, ob ein Charakter wie der seinige unter regierenden Herren so selten ist, als die Feinde seines Ruhms behaupten. Aber so viel können wir mit gutem Grunde sagen: daß, wenn weder der Adel noch die Priester noch die Gelehrten noch das Volk mit seiner Regierung zufrieden waren, – Adel, Priester, Gelehrte und Volk nicht immer so ganz Unrecht hatten.

Um eine Art von Gleichgewicht unter diesen Ständen zu erhalten, beleidigte er wechselsweise bald diesen bald jenen, und der weise Pilpai selbst hätte ihm nicht ausreden können, daß man Beleidigungen durch Wohltaten nicht wieder gut machen könne. In beiden pflegte er so wenig Maß zu halten, so wenig Rücksicht auf Umstände und Folgen zu nehmen, so wenig nach Grundsätzen und nach einem festen Plane zu verfahren, daß er meistens immer den Vorteil verlor, den er sich dabei vorsetzte. Man wußte so viele Beispiele anzuführen, wo er seine besten Freunde mißhandelt hatte, um die übelgesinntesten Leute mit Gnaden zu überhäufen, daß es endlich zu einer angenommenen Maxime wurde, es sei nützlicher sein Feind zu sein als sein Freund. Jene konnten ihn ungestraft beleidigen, weil er schwach genug war sie zu fürchten: diesen übersah er auch nicht den kleinsten Fehltritt. Jene konnten eine Reihe strafwürdiger Handlungen durch eine einzige Gefälligkeit gegen seine Leidenschaften oder Einfälle wieder gut machen: diesen half es nichts ihm zwanzig Jahre lang die stärksten Proben von Treue und Anhänglichkeit gegeben zu haben, wenn sie am ersten Tage des einundzwanzigsten das Unglück hatten, sich durch irgend ein nichtsbedeutendes Versehen seinen Unwillen zuzuziehen.

Den Priestern soll er überhaupt nicht sehr hold gewesen sein; wenigstens kann man nicht leugnen, daß die Derwischen, Fakirn und Kalender, welche er nur die Hummeln seines Staats zu nennen pflegte, der gewöhnlichste Gegenstand seiner bittersten Spöttereien waren. Er neckte und plagte sie bei jeder Gelegenheit; aber weil er sie für gefährliche Leute hielt, so fürchtete er sie, und weil er sie fürchtete, so fand er selten so viel Mut in sich, ihnen etwas abzuschlagen. Der ganze Vorteil, den er von diesem Betragen zog, war, daß sie sich ihm für seine Gefälligkeiten wenig verbunden achteten, weil sie gar zu wohl wußten, wie wenig sein guter Wille Anteil daran hatte. Sie rächten sich für die unschädliche Verachtung, die er ihnen zeigte, durch den Verdruß, den sie ihm bei hundert bedeutenden Gelegenheiten durch ihre geheimen Ränke und Aufstiftungen zu machen wußten. Sein Haß gegen sie wurde dadurch immer frisch erhalten; aber die Schlauköpfe hatten ausfündig gemacht, daß er sie fürchte; und diese Wahrnehmung wußten sie so wohl zu benutzen, daß ihnen seine wärmste Zuneigung kaum einträglicher gewesen wäre. Sie hatten die Klugheit, wenig oder keine Empfindlichkeit über die kleinen Freiheiten zu zeigen, die man sich unter seiner Regierung mit ihnen heraus nehmen durfte. Man mag von uns sagen was man will, dachten sie, wenn wir nur tun dürfen was wir wollen.

Schach-Gebal hatte weniger Leidenschaften als Aufwallungen. Er war ein Feind von allem, was anhaltende Aufmerksamkeit und Anstrengung des Geistes erfoderte. Wenn dasjenige, was seine Hofleute die Lebhaftigkeit seines Geistes nannten, nicht allezeit Witz war, so weiß man, daß es bei einem Sultan so genau nicht genommen wird: aber er wußte doch den Witz bei andern zu schätzen; und so tödlich er die langen Reden seines Kanzlers haßte, so hatte er doch Augenblicke, wo man ihm scherzend auch wenig schmeichelnde Wahrheiten sagen durfte. Er wollte immer von aufgeweckten Geistern umgeben sein. Ein schimmernder Einfall hieß ihm allezeit ein guter Einfall; allein dafür fand er auch den besten Gedanken platt, der sonst nichts als Verstand hatte. Nach Grundsätzen zu denken, oder nach einem Plane zu handeln, war in seinen Augen Pedanterei und Mangel an Genie. Seine gewöhnliche Weise war, ein Geschäft anzufangen, und dann die Maßregeln von seiner Laune oder vom Zufall zu nehmen. So pflegten die witzigen Schriftsteller seiner Zeit ihre Bücher zu machen.

Er hatte ein paar vortreffliche Männer in seinem Divan. Er kannte und ehrte ihre Klugheit, ihre Einsichten, ihre Redlichkeit; aber zum Unglück konnte er ihre Miene nicht leiden. Sie besaßen eine gründliche Kenntnis der Regierungskunst und des Staats; aber sie hatten wenig Geschmack; sie konnten nicht scherzen; sie waren zu nichts als zu ernsthaften Geschäften zu gebrauchen, und Schach-Gebal liebte keine ernsthaften Geschäfte. Warum hatten die ehrlichen Männer die Gabe nicht, der Weisheit ein lachendes Ansehen zu geben? – Oder konnten sie sich nur nicht entschließen, ihr zuweilen die Schellenkappe aufzusetzen? Desto schlimmer für sie und den Staat! Schach-Gebal unternahm zwar selten etwas ohne ihren Rat; aber er folgte ihm während seiner ganzen Regierung nur zweimal, und beide Mal – da es zu spät war.

Es war eine seiner Lieblingsgrillen, daß er durch sich selbst regieren wollte. Die Könige, welche sich durch einen Minister, einen Verschnittenen, einen Derwischen, oder eine Mätresse regieren ließen, waren der tägliche Gegenstand seiner Spöttereien. Gleichwohl versichern uns die geheimen Nachrichten dieser Zeit, daß sein erster Iman, und eine gewisse schwarzaugige Tschirkassierin, die ihm unentbehrlich geworden war, alles was sie gewollt aus ihm gemacht hätten. Wir würden es für Verleumdungen halten, wenn wir seine Regierung nicht mit Handlungen bezeichnet sähen, wovon der Entwurf nur in der Zirbeldrüse eines Imans oder in der Phantasie einer schwarzaugigen Tschirkassierin entstehen konnte.

Schach-Gebal war kein kriegerischer Fürst: aber er sah seine Leibwache gern schön geputzt, hörte seine Emirn gern von Feldzügen und Belagerungen reden, und las die Oden nicht ungern, worin ihn seine Poeten über die Cyrus und Alexander erhoben, wenn er bei Gelegenheit eine Festung ihrem Kommendanten abgekauft, oder seine Truppen einen zweideutigen Sieg über Feinde, die noch feiger, oder noch schlechter angeführt waren als sie selbst, erhalten hatten. Es war eine von seinen großen Maximen: ein guter Fürst müsse Frieden halten, so lange die Ehre seiner Krone nicht schlechterdings erfodere, daß er die Waffen ergreife. Aber das half seinen Untertanen wenig: er hatte nichts desto weniger immer Krieg. Denn der Mann im Monde hätte mit dem Mann im Polarstern in einen Zwist geraten können; Schach-Gebal mit Hülfe seines Itimadulet[Fußnote] Allgemeiner Name der ersten Minister der indostanischen Könige der Zeiten, wovon hier die Rede ist. würde Mittel gefunden haben, die Ehre seiner Krone dabei betroffen zu glauben.

Niemals hat ein Fürst mehr weggeschenkt als Gebal. Aber da er sich die Mühe nicht nehmen wollte, zu untersuchen, oder nur eine Minute lang zu überlegen, wer an seine Wohltaten das meiste Recht haben möchte: so fielen sie immer auf diejenigen, die zunächst um ihn waren, und zum Unglück konnten sie gemeiniglich nicht schlechter fallen.

Überhaupt liebte er den Aufwand. Sein Hof war unstreitig der prächtigste in Asien. Er hatte die besten Tänzerinnen, die besten Gaukler, die besten Jagdpferde, die besten Köche, die witzigsten Hofnarren, die schönsten Pagen und Sklavinnen, die größten Trabanten und die kleinsten Zwerge, die jemals ein Sultan gehabt hat; und seine Akademie der Wissenschaften war unter allen diejenige, worin man die sinnreichsten Antrittsreden und die höflichsten Danksagungen hielt. Es gehörte ohne Zweifel zu seinen rühmlichen Eigenschaften, daß er alle schöne Künste liebte; aber es ist auch nicht zu leugnen, daß er dieser Neigung mehr nachhing als mit dem Besten seines Reiches bestehen konnte. Man will ausgerechnet haben, daß er eine seiner schönsten Provinzen zur Einöde gemacht, um eine gewisse Wildnis, welche allen Anstrengungen der Kunst Trotz zu bieten schien, in eine bezauberte Gegend zu verwandeln, und daß es ihm wenigstens hunderttausend Menschen gekostet habe, um seine Gärten mit Statuen zu bevölkern. Berge wurden versetzt, Flüsse abgeleitet, und unzählige Hände von nützlichern Arbeiten weggenommen, um einen Plan auszuführen, wobei die Natur nicht zu Rate gezogen worden war. Die Fremden, welche dieses Wunder der Welt anzuschauen kamen, reiseten durch übel angebaute und entvölkerte Provinzen, durch Städte, deren Mauern einzufallen drohten, auf deren Gassen Gerippe von Pferden graseten, und worin die Wohnungen den Ruinen einer ehmaligen Stadt, und die Einwohner Gespenstern glichen, die in diesen verödeten Gemäuern spükten. Aber wie angenehm wurden diese Fremden auf einmal von dem Anblicke der künstlichen Schöpfungen überrascht, welche Schach-Gebal, seinem Stolz und den schönen Augen seiner Tschirkassierin zu Gefallen, wie aus nichts hatte hervor gehen heißen! Ganze Gegenden, durch welche sie gekommen waren, lagen verödet; aber hier glaubten sie, in einem entzückenden Traum, in die Zaubergärten der Peris versetzt zu sein. Man konnte nichts Schlechteres sehen als die Landstraßen, auf denen sie oft ihr Leben hatten wagen müssen; aber wie reichlich wurde ihnen dieses Ungemach ersetzt! Die Wege zu seinem Lustschlosse waren mit kleinen bunten Steinen eingelegt.

Bei allem diesem sprach Schach-Gebal gern von Ökonomie; und die beste unter allen möglichen Einrichtungen des Finanzwesens war eine Sache, worüber er seine ganze Regierung durch raffinierte, und die ihm wirklich mehr kostete, als wenn er den Stein der Weisen gesucht hätte. Eine neue Spekulation war der kürzeste Weg sich bei ihm in Gnade zu setzen; auch bekam er deren binnen wenig Jahren so viele, daß sie schichtenweise in seinem Kabinett aufgetürmt lagen, wo er sich zuweilen die Zeit vertrieb, die Titel und die Vorberichte davon zu überlesen. Alle Jahre wurde ein neues System eingeführt, oder doch irgend eine nützliche Veränderung gemacht (das ist, eine Veränderung, die wenigstens einigen, welche die Hand dabei hatten, nützlich war), und die Früchte davon zeigten sich augenscheinlich. Kein Monarch in der Welt hatte mehr Einkünfte auf dem Papier und weniger Geld in der Kasse. Dies kann, unter gewissen Bedingungen, das Meisterstück einer weisen Administration sein: aber in Schach-Gebals seiner war es wohl ein Fehler; denn der größte Teil seiner Untertanen befand sich nicht desto besser dabei. Indessen war er nicht dazu aufgelegt, durch seine Fehler klüger zu werden; denn er betrog sich immer in den Ursachen. Der erste, der mit einem neuen Projekt aufzog, beredete ihn er wisse es besser als seine Vorgänger; und so nahm das Übel immer zu, ohne daß Gebal jemals dazu gelangen konnte die Quelle davon zu entdecken.

Wenn man diese Züge des Charakters und der Regierung des Sultans Gebal zusammen nimmt, so könnte man auf die Gedanken geraten, das Glück seiner Untertanen müsse, im ganzen betrachtet, nur sehr mittelmäßig gewesen sein. In der Tat ist dies auch das gelindeste, was man davon sagen kann. Allein seine Untertanen wurden mehr als zu sehr dadurch gerochen, daß ihr Sultan bei aller seiner Herrlichkeit nicht glücklicher war als der unzufriedenste unter ihnen.

Diese Erfahrung war für ihn ein Problem, worüber er oft in tiefes Nachsinnen geriet, ohne jemals die Auflösung davon finden zu können. Auf dem Wege, wo er sie suchte, hätte er sie ewig vergebens suchen mögen. Denn der Einfall, sie in sich selbst zu suchen, war gerade der einzige, der ihm unter allen möglichen nie zu Sinne kam. Bald dacht er, die Schuld liege an seinen Omras, bald an seinem Mundkoche, bald an seiner Favoritin; er schaffte sich andere Omras, andere Köche und eine andere Favoritin an; aber das wollte alles nicht helfen. Es fiel ihm ein, daß er einmal dieses oder jenes habe tun wollen, welches bisher unterblieben war. Gut, dacht er, das muß es sein! Er unternahm es, amüsierte sich damit bis es fertig war, und – fand sich betrogen. Ursache genug für einen Sultan, verdrießlich zu werden! Aber er hatte deren noch andre, die einen weisern Mann als er war aus dem Gleichgewichte hätten setzen können. Die Händel, die ihm seine Priester machten, die Intrigen seines Serails, die Zwistigkeiten seiner Minister, die Eifersucht seiner Sultaninnen, das häufige Unglück seiner Waffen, der erschöpfte Zustand seiner Finanzen, und (was noch schlimmer als dies alles zu sein pflegt) das Mißvergnügen seines Volkes, welches zuweilen in gefährliche Unruhen auszubrechen drohte, – alles dies vereinigte sich, ihm ein Leben zu verbittern, welches denen, die es nur von ferne sahen, beneidenswürdig vorkam. Schach-Gebal hatte mehr schlaflose Nächte als alle Tagelöhner seines Reichs zusammen. Alle Zerstreuungen und Ergetzlichkeiten, womit man diesem Übel zu begegnen gesucht hatte, wollten nichts mehr verfangen. Seine schönsten Sklavinnen, seine besten Sänger, seine wundertätigsten Luftspringer, seine Witzlinge, und seine Affen selbst verloren ihre Mühe dabei.

Endlich brachte eine Dame des Serails, eine erklärte Verehrerin der großen Scheherezade, die Märchen der Tausend und Einen Nacht in Vorschlag. Aber Schach-Gebal hatte die Gabe nicht (denn wirklich ist sie ein Geschenk der Natur und keines ihrer schlechtesten), der wunderbaren Lampe des Schneiders Aladdin Geschmack abzugewinnen, oder die weißen, blauen, gelben und roten Fische amüsant zu finden, welche sich, ohne ein Wort zu sagen, in der Pfanne braten lassen, bis sie auf einer Seite gar sind, aber, sobald man sie umkehrt, und eine wunderschöne Dame, in beblümten Atlas von ägyptischer Fabrik gekleidet, mit großen diamantnen Ohrengehängen, mit einem Halsbande von großen Perlen und mit rubinenreichen goldnen Armbändern geschmückt, aus der Mauer hervor springt, die Fische mit einer Myrtenrute berührt, und die Frage an sie tut: Fische, Fische, tut ihr eure Schuldigkeit? alle zugleich die Köpfe aus der Pfanne heben, das einfältigste Zeug von der Welt antworten, und dann plötzlich zu Kohlen werden. Schach-Gebal, anstatt dergleichen Historien, wie sein glorwürdiger Ältervater, mit glaubigem Erstaunen und innigstem Vergnügen anzuhören, wurde so ungehalten darüber, daß man mitten in der Erzählung aufhören mußte. Man versuchte es also mit den Märchen des Visirs Moslem, in welchen unstreitig ein großes Teil mehr Witz, und unendliche Mal mehr Verstand und Weisheit, unter dem Schein der äußersten Frivolität, verborgen ist. Aber Schach-Gebal haßte die dunkeln Stellen darin, nicht weil sie dunkel, sondern weil sie nicht noch dunkler waren; denn er hatte wirklich zu viel gesunden Geschmack, um an Unrat, so fein er auch zubereitet war, Gefallen zu finden; und überhaupt deuchte ihm die mehr wollüstige als zärtliche Fee Alles oder Nichts mit ihrer Prüderie und mit ihren Experimenten, der Pedant Tacitürne mit seiner Geometrie, der König Strauß mit seiner albernen Politik und mit seiner Barbierschüssel, und das ungeheure Mittelding von Galanterie und Ziererei, die Königin der kristallnen Inseln, mit allem was sie sagte, tat und nicht tat, ganz unerträgliche Geschöpfe. Er erklärte sich, daß er keine Erzählungen wolle, wofern sie nicht, ohne darum weniger unterhaltend zu sein, sittlich und anständig wären: auch verlangte er, daß sie wahr und aus beglaubten Urkunden gezogen sein, und (was er für eine wesentliche Eigenschaft der Glaubwürdigkeit hielt) daß sie nichts Wunderbares enthalten sollten; denn davon war er jederzeit ein erklärter Feind gewesen. Dieses brachte die beiden Omras, deren wir vorhin als wohl denkender Männer Erwähnung getan haben, auf den Einfall, aus den merkwürdigsten Begebenheiten eines ehmaligen benachbarten Reichs eine Art von Geschichtbuch verfertigen zu lassen, woraus man ihm, wenn er zu Bette gegangen wäre, vorlesen sollte, bis er einschliefe oder nichts mehr hören wollte. Der Einfall schien um so viel glücklicher zu sein, als er Gelegenheiten herbeiführte, dem Sultan mit guter Art Wahrheiten beizubringen, die man, auch ohne Sultan zu sein, sich nicht gern geradezu sagen läßt.

Man dachte also unverzüglich an die Ausführung: und da man den besten Kopf von ganz Indostan (welches freilich in Vergleichung mit europäischen Köpfen nicht viel sagt) dazu gebrauchte; so kam in kurzer Zeit dieses gegenwärtige Werk zu Stande, welches Hiang-Fu-Tsee, ein wenig bekannter Schriftsteller, in den letzten Jahren des Kaisers Tai-Tsu, unter dem Namen des goldnen Spiegels ins Sinesische, – der ehrwürdige Vater J. G. A. D. G. J. aus dem Sinesischen in sehr mittelmäßiges Latein, und der gegenwärtige Herausgeber aus einer Kopie der lateinischen Handschrift, in so gutes Deutsch, als man im Jahre 1772 zu schreiben pflegte, überzutragen würdig gefunden hat.

Aus dem Vorberichte des sinesischen Übersetzers läßt sich schließen, daß sein Buch eigentlich nur eine Art von Auszug aus der Chronik der Könige von Scheschian ist, welche zur Ergetzung und Einschläferung des Sultans Gebal verfertiget worden war. Er verbirgt nicht, daß seine vornehmste Absicht gewesen, den Prinzen aus dem Hause des Kaisers Tai-Tsu damit zu dienen, denen es (wie er meint), unter dem Schein eines Zeitvertreibs, Begriffe und Maximen einflößen könnte, von deren Gebrauch oder Nichtgebrauch das Glück der sinesischen Provinzen größten Teils abhangen dürfte. So alt diese Wahrheiten sind, sagt er, so scheint es doch, daß man sie nicht oft genug wiederholen könne. Sie gleichen einer herrlichen Arznei, welche aber so beschaffen ist, daß sie nur durch häufigen Gebrauch wirken kann. Alles kommt darauf an, daß man immer ein anderes Vehikel zu ersinnen wisse, damit sowohl Kranke als Gesunde (denn sie kann diesen als Präservativ, wie jenen als Arznei dienen) sie mit Vergnügen hinab schlingen mögen.

Was die hier und da der Erzählung eingemischten Unterbrechungen und Episoden, besonders die Anmerkungen des Sultans Gebal betrifft, so versichert zwar Hiang-Fu-Tsee, er hätte sie von guter Hand, und wäre völlig überzeugt, daß die letztern wirklich von besagtem Sultan herrührten: allein dies hindert nicht, daß der geneigte Leser nicht davon sollte glauben dürfen was ihm beliebt. Wenigstens scheinen sie dem Charakter Schach-Gebals ziemlich gemäß; und eben daher würde es unbillig sein, zu verlangen, daß sie so sinnreich und unterhaltend sein sollten, als die Reflexionen Schach-Bahams, des Weisen.

Teil 3

Der goldne Spiegel
oder
Die Könige von Schechian
Erster Teil
1.

» Von Scheschian?« rief Schach-Gebal: »mir deucht, ich kenne diesen Namen. Ist es nicht das Scheschian, wo der Hiof-Teles-Tanzai König war, dessen verwünschten Schaumlöffel ihr Ihr neulich zu verschlingen geben wolltet, wenn ich mich nicht eben so stark dagegen gesträubt hätte, als der Großpriester Sogrenuzio?«

»Vermutlich, Sire«, sagte die schwarzaugige Tschirkassierin, welche schon vor einiger Zeit aufgehört hatte jung zu sein, aber aus dem Verfall ihrer Reizungen unter andern eine sehr angenehme Stimme davon gebracht hatte, und sich eine Angelegenheit daraus machte, den Sultan noch immer so gut zu amüsieren, als es die Umstände auf beiden Seiten zulassen wollten. »Ohne Zweifel, Sire«, sagte sie, »ist es eben dieses Scheschian; denn es nötigt uns nichts, deren zwei anzunehmen, da wir uns mit dem Einen ganz wohl behelfen können; welches, nach dem Berichte gewisser alter Erdbeschreiber, in den Zeiten seines höchsten Wohlstandes beinahe so groß gewesen sein muß als das Reich Ihrer Majestät, [Fußnote] Die Wahrheit ist, daß es weit größer war; aber die schöne Tschirkassierin hatte zu viel Lebensart, um dem Sultan eine solche Unhöflichkeit zu sagen. Beinahe so groß ist alles, was man in dergleichen Fällen wagen darf.

Anmerk. des sines. Übersetzers

und ostwärts« –

»Die Geographie tut nichts zur Sache«, fiel Schach-Gebal ein, »in so fern du mir nur dafür gut sein willst, Nurmahal, daß da, wo deine Geschichte anfängt, die Zeit vorbei ist, da die Welt von Feen beherrscht wurde. Denn ich erkläre mich ein für allemal, daß ich nichts von verunglückten Hochzeitnächten, von alten Konkombern, von Maulwürfen, die in der geziertesten Sprache von der Welt – nichts sagen, und kurz, nichts von Liebeshändeln hören will, wie der witzigen Mustasche und ihres faden Kormorans, der so schöne Epigrammen macht und so schöne Räder schlägt. Mit Einem Worte, Nurmahal, und es ist mein völliger Ernst, keine Neadarnen und keinen Schaumlöffel!«

»Ihre Majestät können Sich darauf verlassen«, versetzte Nurmahal, »daß die Feen nichts in dieser Geschichte zu tun haben sollen; und was die Genien betrifft, so wissen Ihre Majestät, daß man gewöhnlich sechs bis sieben Könige hinter einander zählen kann, bis man auf einen stößt, der Anspruch an diesen Namen zu machen hat.«

»Auch keine Satiren, Madam, wenn ich bitten darf! Fangen Sie Ihre Historie ohne Umschweife an; und ihr« (sagte er zu einem jungen Mirza, der am Fuße seines Bettes zu sitzen die Ehre hatte) »gebt Acht wie oft ich gähne; sobald ich dreimal gegähnt habe, so macht das Buch zu, und gute Nacht.«



»Bei irgend einem Volke« (so fing die schöne Nurmahal zu lesen an) »die Geschichte seines ältesten Zustandes suchen, hieße von jemand verlangen, daß er sich dessen erinnere, was ihm im Mutterleibe oder im ersten Jahre seiner Kindheit begegnet ist.

Die Einwohner von Scheschian machen keine Ausnahme von dieser Regel. Sie füllen, wie alle andre Völker in der Welt, den Abgrund, der zwischen ihrem Ursprung und der Epoche ihrer Geschichtskunde liegt, mit Fabeln aus; und diese Fabeln sehen einander bei allen Völkern so ähnlich, als man es von Geschöpfen vermuten kann, die sich auf der ersten Staffel der Menschheit befinden. Derjenige unter ihnen, der zuerst die Entdeckung machte, daß eine Ananas besser schmecke als eine Gurke, war ein Gott in den Augen seiner Nachkommen.

Die alten Scheschianer glaubten, daß ein großer Affe sich die Mühe genommen habe, ihren Voreltern die ersten Kenntnisse von Bequemlichkeit, Künsten und geselliger Lebensart beizubringen.«

»Ein Affe?« rief der Sultan: »eure Scheschianer sind sehr demütig, den Affen diesen Vorzug über sich einzuräumen.«

»Diejenigen, bei denen dieser Glaube aufkam, dachten vermutlich nicht so weit«, erwiderte die schöne Nurmahal.

»Ohne Zweifel«, sagte der Sultan: »aber was ich wissen möchte, ist gerade, was für Leute das waren, bei denen ein solcher Glaube aufkommen konnte.«

»Sire, davon sagt die Chronik nichts. Aber wenn es einer Person meines Geschlechts erlaubt sein könnte, über einen so gelehrten Gegenstand eine Vermutung zu wagen, so würde ich sagen, daß mir nichts begreiflicher vorkommt. Kein Glaube ist jemals so ungereimt gewesen, zu welchem nicht etwas Wahres den Grund gelegt haben sollte. Konnte nicht ein Affe die ältesten Scheschianer etwas gelehrt haben, wenn es auch nur die Kunst auf einen Baum zu klettern und Nüsse aufzuknacken gewesen wäre? Denn so leicht uns diese Künste jetzt scheinen, so ist doch viel eher zu vermuten, daß die Menschen sie den Affen, als daß die Affen sie den Menschen abgelernt haben.«

»Die schöne Sultanin philosophiert sehr richtig«, sagte Doktor Danischmend, derjenige von den Philosophen des Hofes, den der Sultan am liebsten um sich leiden mochte, weil er in der Tat eine der gutherzigsten Seelen in der Welt war, und der daher die Gnade genoß, nebst dem vorerwähnten Mirza diesen Vorlesungen beizuwohnen. »Es ist nicht zu vermuten«, setzte er hinzu, »daß die ersten Menschen in Scheschian scharfsinniger gewesen sein sollten als Isanagi No Mikotto, einer von den japanischen Götterkönigen, von welchem ihre Geschichte versichert, daß er die Kunst, mit seiner Gemahlin Ysanami nach der Weise der Sterblichen zu verfahren, von dem Vogel Isiatadakki abgesehen habe.« [Fußnote] S. Kämpfers Beschreibung des japanischen Reichs, I. T. 7. Kap. S. 112.


Schach-Gebal schüttelte, man weiß nicht warum, den Kopf bei dieser Anmerkung; und Nurmahal, ohne den Einfall des Philosophen Danischmend eines Errötens zu würdigen, fuhr also fort.

»In dem ersten Zeitpunkte, wo die Geschichte von Scheschian zuverlässig zu werden anfängt, fand sich die Nation in eine Menge kleiner Staaten zerstückelt, die von eben so vielen kleinen Fürsten regiert wurden, so gut es gehen wollte. Alle Augenblicke fiel es zweien oder dreien von diesen Potentaten ein, den vierten mit einander auszurauben; wenn sie mit ihm fertig waren, zerfielen sie über der Teilung unter sich selbst; und dann pflegte der fünfte zu kommen, und sie auf einmal zu vergleichen, indem er bis zu Austrag der Sache den Gegenstand des Streits in Verwahrung nahm.

Diese Befehdungen dauerten, zu großem Nachteile der armen Scheschianer, so lange, bis etliche von den schwächsten den Vorschlag taten: daß sich die sämtlichen Rajas, um der allgemeinen Sicherheit willen, einem gemeinschaftlichen Oberhaupte unterwerfen sollten. Die mächtigsten ließen sich diesen Vorschlag belieben, weil jeder Hoffnung hatte, daß die Wahl auf ihn selbst fallen würde. Aber kaum war diese entschieden: so fand sich, daß man nicht das beste Mittel die Ruhe herzustellen gewählt hatte.

Der neue König war des Vorzugs würdig, den ihm die Nation beigelegt hatte. Die Achtung für seine persönlichen Verdienste unterstützte eine Zeit lang seine Bemühungen, und Scheschian genoß einen Augenblick von Glückseligkeit, den er dazu anwandte, Gesetze zu entwerfen, welche der große Kon-Fu-Tsee nicht besser hätte machen können; Gesetze, denen, um vollkommen zu sein, nichts abging, als daß sie nicht (wie man von den Bildsäulen eines gewissen alten Künstlers sagt) von selbst gingen, das ist, daß es von der Willkür der Untertanen abhing, sie zu halten oder nicht zu halten. Freilich waren auf die Übertretung derjenigen, von deren Beobachtung die Ruhe und der Wohlstand des Staats schlechterdings abhing, schwere Strafen gesetzt: aber der König hatte keine Gewalt sie zu vollziehen. Wenn einer von seinen Rajas zum Gehorsam gebracht werden sollte, so mußte er einem andern auftragen, den Raja dazu zu nötigen; und auf diese Weise blieben immer die gerechtesten Urteile unvollzogen. Denn keine Krähe hackt der andern die Augen aus, sagt der König Dagobert.« [Fußnote] Die schöne Nurmahal oder ihre Chronik irrt sich in der Person. Wenn sie sich die Mühe hätte geben wollen, den ehrlichen Gregor von Tours selbst nachzuschlagen, so würde sie im sechsten Buche (wir erinnern uns nicht in welchem Kapitel) gefunden haben, daß es der König Chilperich war; wiewohl man gestehen muß, daß ihr, und dem Sultan Gebal, und dem ganzen Indien, Dagobert und Chilperich völlig gleich viel sein konnten.

Anmerk. des latein. Übersetzers


»Wer war dieser König Dagobert?« fragte der Sultan den Philosophen Danischmend.

Danischmend hatte bei allen seinen vermeintlichen oder wirklichen Vorzügen einen Fehler, der, so wenig er an sich selbst zu bedeuten hat, in gewissen Umständen genug ist, den besten Kopf zu Schanden zu machen. Niemals konnte er eine Antwort auf eine Frage finden, auf die er sich nicht versehen hatte. Dieser Fehler hätte ihm vielleicht noch übersehen werden können; aber er vergrößerte ihn insgemein durch einen andern, der in der Tat einem Manne von seinem Geiste nicht zu verzeihen war. Fragte ihn, zum Exempel, der Sultan etwas, das ihm unbekannt war; so stutzte er, entfärbte sich, öffnete den Mund und staunte, als ob er sich darauf besänne: man hoffte von Augenblick zu Augenblick, daß er losdrücken würde; und man konnt es ihm daher um so viel weniger vergeben, wenn er endlich die Erwartung, worin man so lange geschwebt hatte, mit einem armseligen das weiß ich nicht betrog; weil er, wie man dachte, dies eben sowohl im ersten Augenblicke hätte sagen können. Dies war nun gerade der Fall, worin er sich itzt befand: kein Mensch in der Welt war ihm unbekannter als der König Dagobert.

»Ich hatte Unrecht, eine solche Frage an einen Philosophen zu tun«, sagte der Sultan etwas mißvergnügt: »laßt meinen Kanzler kommen.«

Der Kanzler war ein großer dicker Mann, welcher unter andern rühmlichen Eigenschaften gerade so viel Witz hatte, als er brauchte, um auf jede Frage eine Antwort bereit zu halten.

»Herr Kanzler, wer war der König Dagobert?« fragte der Sultan.

»Sire«, antwortete der Kanzler ganz ernsthaft, indem er mit der rechten Hand seinen Wanst, und mit der linken seinen Knebelbart strich, »es war ein König, der vor Zeiten in einem gewissen Lande regierte, das man auf keiner indostanischen Landkarte findet; vermutlich weil es so klein war, daß man nicht sagen konnte, welches die Nord- und welches die Süd-Seite davon sei.«

»Sehr wohl, Herr Kanzler! Und was sagte der König Dagobert?«

»Meistens nichts«, versetzte der Kanzler, »wenn es nicht im Schlafe geschah, welches ihm zuweilen in seinem Divan begegnete. Sein Kanzler, der, wegen seines kurzen Gesichts, nicht immer gewahr wurde, ob der König wachte oder schlummerte, nahm etlichemal das, was er im Schlafe gesagt hatte, für Befehle auf, und fertigte sie auf der Stelle aus; und, was das Sonderbarste ist, die Geschichtschreiber versichern, daß diese nämlichen Verordnungen unter allen, welche während seiner Regierung heraus gekommen, die klügsten gewesen seien.«

»Gute Nacht, Herr Kanzler«, sagte Schach-Gebal.

»Man muß gestehen«, dachte der Kanzler im Weggehen, »daß die Sultanen zuweilen wunderliche Fragen an die Leute tun.«

»Es ist eine schöne Sache um einen sinnreichen Kanzler«, fuhr der Sultan fort, nachdem sich der seinige zurückgezogen hatte. »Ich weiß wohl, Nurmahal, Ihr seid ihm nie gewogen gewesen; und wenn ich günstiger für ihn denke, so geschieht es gewiß nicht weil ich ihn nicht kenne. Ich weiß, daß er, mit aller abgezirkelten Formalität seiner ganzen Person, welche ein lebendiger Inbegriff aller Gesetze, Ordonnanzen, alten Gewohnheiten und neuen Mißbräuche meines Reichs ist, im Grunde doch nur ein Intrigenmacher, ein falscher, unruhiger, unersättlicher, rachgieriger Bube, und ein heimlicher Feind aller Leute ist, von denen ihm sein Instinkt sagt, daß sie mehr wert sind als er. Überdies weiß ich, daß er sich von einem schelmischen kleinen Fakir regieren läßt, der ihm weisgemacht hat, er besitze ein Geheimnis, ihn sicher über die Brücke, die nicht breiter ist als die Schärfe eines Schermessers, hinüber zu bringen. Aber wenn er noch zehnmal schlimmer wäre als er ist, so müßt ich ihm um der Gabe willen hold sein, die er hat, auf jede Frage, so unerwartet und unbequem sie ihm sein mag, eine Antwort aus dem Ärmel zu schütteln, die er euch mit einer so unverschämten Ernsthaftigkeit für gut gibt, daß man, gern oder nicht, damit zufrieden sein muß. – Aber wir vergessen, dem König Dagobert und meinem Kanzler zu Gefallen, den armen König von Scheschian, und das ist nicht billig. Der gute Mann dauert mich; wiewohl es in der Tat seine eigene Schuld ist, wenn ihm seine Leute wie die Frösche dem König Klotz mitspielen. Wie konnt es ihm einfallen, auf solche Bedingungen König zu sein?«

»Ihre Hoheit«, sagte Nurmahal, »werden ihm diesen Einfall vielleicht zugute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nation einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu sein, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstentum war eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partei, die ihn auf den Thron erhob, konnt er sich schmeicheln alles zu vermögen.«

»Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?«

»Wie hätt es anders gehen können?« versetzte die Sultanin. »Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Foderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt, Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie daß er ihnen alles schuldig sei. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmal übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt er notwendig mit seinen Rajas zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vorteil, den die Rajas über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermut, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freiheit (ein Ding, wovon sie niemals einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen) und die Rechte der Nation (welche niemals ins Klare gesetzt worden waren) gegen willkürliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymphe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte« –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Male –

– »bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als dreihundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Teil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnot verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reizenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.«

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmal wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Zitronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten, und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omras wollten, daß er dabei denken sollte! – »Weiter, Nurmahal«, sprach der vergnügte Sultan.

»Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Teilen seiner Untertanen Preis zu geben genötigt war, hatten in Absicht der Verwaltung ihrer Ländereien eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu sein, den gegenwärtigen Augenblick zum Vorteil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon sein möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bei ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Tiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkürlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sei, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Mutlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde im Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] »Hier«, sagt der sinesische Übersetzer, »habe ich eine Anmerkung des indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. ›Ich wünschte‹, sind die Worte des Indiers, ›daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine usw. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre antun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nötig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, und die Entwicklung der darin enthaltnen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu sein, einen Philosophen von unverdächtigen Einsichten mit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sei es denn! Versteht er sie nicht oder räsoniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ihre Exzellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren usw. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn Ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu vernünftig werden solle.‹« Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehentausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte« –

– der Sultan gähnte hier zum zweiten Male –

– »und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genötiget sind den nämlichen Stall einzunehmen; ja, bei der Unmöglichkeit eines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnisvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrat wäre.

Dies war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nämlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammeltern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermutete Staatsveränderung« –

hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

2.





Der Sultan hatte in vielen Wochen nicht so gut geschlafen als auf die erste Vorlesung, womit er von der Sultanin Nurmahal in der letzten Nacht unterhalten worden war: und hätte der Page, der ihn zum Morgengebet zu wecken pflegte, seine Zeit nicht so übel genommen, ihn mitten in einem Traume von dem König Dagobert, dessen Ausgang zu sehen er begierig war, zu unterbrechen, so würde Se. Hoheit den ganzen Tag über bei der besten Laune von der Welt gewesen sein.

Die schöne Nurmahal ermangelte also nicht, sich in der folgenden Nacht zur gewöhnlichen Zeit wieder einzufinden, um die zweite Probe mit ihrem Opiat zu machen, welches zum ersten Male so wohl angeschlagen, und dabei den Vorzug hatte, das unschädlichste unter allen zu sein, die man hätte gebrauchen können.

Wir merken hier ein für allemal an, daß diese Dame, welche vermutlich die Geschichte von Scheschian schon in ihrem eigenen Kabinette gelesen hatte, und, wie man uns versichert, eine Frau von Geist, Belesenheit und Einsicht war, sich im Lesen nicht so genau an den Text gebunden hielt, um nicht zuweilen die Erzählung abzukürzen, oder mit ihren eigenen Reflexionen zu bereichern, oder sonst irgend eine Veränderung im Schwung oder Ton derselben vorzunehmen, je nachdem ihr die gegenwärtige Verfassung und Laune des Sultans den Wink dazu gab. Man erwarte also, daß sie bald in ihrer eigenen Person sprechen, bald ihren Autor reden lassen wird, ohne daß wir nötig finden, jedesmal besondere Anzeige zu tun, wer die redende Person sei; ein Umstand, woran dem Leser wenig gelegen ist, und den wir seiner eigenen Scharfsinnigkeit ruhig überlassen können.

»Ihre Hoheit«, fing sie an, »erinnern Sich des Zustandes, worin wir die Scheschianer gestern verlassen haben. Er war so verzweifelt, daß sie nur von einer Staatsveränderung einige Erleichterung ihres Elendes erwarten konnten. Die Gelegenheit dazu konnte nicht lange ausbleiben. Ogul, der Kan einer benachbarten tatarischen Völkerschaft, ersah sich des Augenblicks, da einige Fürsten aus wenig erheblichen Ursachen den damaligen König vom Throne gestoßen hatten, und über die Erwählung eines neuen sich unter sich selbst und mit den übrigen so wenig vergleichen konnten, daß endlich beinahe so viel Könige, als Scheschian Provinzen hatte, aufgeworfen wurden. Da keiner von diesen Nebenbuhlern den andern neben sich dulden wollte, so erfuhr dieses unglückliche Reich alle Drangsale und Greuel der Anarchie und Tyrannie zu gleicher Zeit: die eine Hälfte der Nation wurde aufgerieben, und die andere dahin gebracht, einen jeden, der sie, auf welche Art es auch sein möchte, von ihren Unterdrückern befreien wollte, für ihren Schutzgott anzusehen. Viele, welche alles hoffen konnten weil sie nichts mehr zu verlieren hatten, schlugen sich auf die Seite des Eroberers; die minder mächtigen Rajas und Großen des Reichs folgten ihrem Beispiel; und die übrigen wurden um so leichter überwältiget, da ihre Uneinigkeit sie verhinderte, mit Nachdruck gegen den gemeinschaftlichen Feind zu arbeiten. Ogul-Kan wurde also in kurzer Zeit ruhiger Besitzer des scheschianischen Reiches. Das Volk, welches in mehr als Einer Betrachtung bei dieser Staatsveränderung gewann, dachte nicht daran, und konnte nicht daran denken, seinem Befreier Bedingungen vorzuschreiben. Die ehmaligen Großen, welche daran dachten, waren nicht mehr die Leute, die sich eine solche Freiheit mit ihrem Überwinder hätten heraus nehmen dürfen, und mußten sich gefallen lassen, selbst das wenige, was ihnen von ihrer verlornen Größe gelassen wurde, als eine Gnade aus seinen Händen zu empfangen. Die Verfassung des neuen Reichs von Scheschian war also diejenige einer unumschränkten Monarchie; das ist, das Reich hatte gar keine Verfassung, sondern alles hing von der Willkür des Eroberers ab, oder von dem Grade von Weisheit oder Torheit, Güte oder Verkehrtheit, Billigkeit oder Unbilligkeit, wozu ihn Temperament, Umstände, Laune und Zufall von Tag zu Tage bestimmen mochten.

Zum Glücke für die Überwundnen war der König Ogul, wie die meisten tatarischen Eroberer, eine ganz gute Art von Fürsten« –

»Wenn es geschehen könnte ohne Sie zu unterbrechen, Madam«, sagte Schach-Gebal, »so möchte ich wohl wissen, was Sie mit Ihrer ganz guten Art von Fürsten sagen wollen?«

»Sire«, erwiderte die schöne Nurmahal, »ich gestehe, daß nichts Unbestimmteres ist als dieser Ausdruck. Das was man gewöhnlich eine ganz gute Art von Fürsten zu nennen pflegt, dürfte wohl öfters eine sehr schlimme Art von Fürsten sein; aber so war es nicht in gegenwärtigem Falle. Ogul-Kan hatte zwar einige beträchtliche Untugenden. Er war so eifersüchtig auf seine willkürliche Gewalt, daß man gar leicht das Unglück haben konnte ihn zu beleidigen; beleidigt war er rachgierig, und in seiner Rache grausam. Außerdem hatte er die schlimme Gewohnheit, alle schöne Frauen als sein Eigentum anzusehen; und, wenn er den Wein weniger geliebt hätte, würde ihm sogar der berühmte Sultan Salomon in diesem Stücke habe weichen müssen. Aber diese Fehler« –

»Es sind sehr wesentliche Fehler«, sagte Schach-Gebal –

»Ohne Zweifel, Sire«, versetzte Nurmahal: »aber wenige Völker und Zeiten sind so glücklich, mit einem Fürsten beseligt zu werden, an welchem selbst seine Fehler liebenswürdig sind; wenn man anders Fehler nennen kann, was allein in dem Übermaß gewisser Vollkommenheiten seine Quelle hat« –

»Kleine Schmeichlerin!« sagte Schach-Gebal, indem er sie sanft auf einen ihrer Arme klopfte, dessen schöne Form ihre weiten zurück geschlagenen Ärmel sehen ließen; ein kleiner Umstand, der die beste Vorlesung am Bette Seiner Hoheit hätte unnütz machen können, wenn Zeit und Gewohnheit unsern Sultan nicht zu einem der vollkommensten Stoiker über diesen Punkt gemacht hätten.

»Diese Fehler also« (fuhr Nurmahal fort) »wurden durch einige sehr wichtige Tugenden vergütet. Ogul-Kan ließ sich die Geschäfte der Regierung sehr angelegen sein; er brachte den Ackerbau in Aufnahme, stellte die zerstörten Städte wieder her, legte neue an, lockte aus benachbarten Staaten die Künste in die seinigen, suchte Talente und Verdienste auf, um sie zu belohnen und Gebrauch von ihnen zu machen, ehrte die Tugend, und konnte es zu gewissen Zeiten wohl leiden, wenn man ihm die Wahrheit sagte.«

»Diese letzte Eigenschaft versöhnt mich wieder mit euerm Ogul«, sagte der Sultan lächelnd. »Wenn er den Wein weniger geliebt hätte, so möchte er einen Platz unter den großen Männern seiner Zeit verdient haben.« [Fußnote] Es bedarf kaum der Anmerkung, daß Schach-Gebal der nüchternste Sultan seines Jahrhunderts, und ein tödlicher Feind der Trunkenheit an andern war. Seine Feinde haben nicht unterlassen, auch von dieser Tugend, welche sie ihm nicht absprechen konnten, wenigstens den Wert zu verringern, indem sie ihr alles raubten, was sie hätte verdienstlich machen können. Aber wir finden nicht nötig, die Wirkung ihrer Bosheit durch Anführung ihrer unartigen Vermutungen fortzupflanzen. Der arme Schach-Gebal besaß nicht so viel Tugenden, daß es billig sein könnte, ihm auch die wenigen, die er besaß, zweifelhaft machen zu wollen.

Anmerk. des sines. Übersetzers


»Ogul-Kan besaß bei allen diesen guten Eigenschaften noch eine, die unter den gehörigen Einschränkungen einem Fürsten viel Ehre macht, wofern er unglücklich genug ist, ihrer vonnöten zu haben. Es begegnete ihm in den Aufwallungen seiner Leidenschaften ziemlich oft, ungerecht und grausam zu sein: aber sobald das Übel geschehen war, kam er wieder zu sich selbst, und dann pflegte er sein Haupt nicht eher sanft zu legen, bis er demjenigen, der dadurch gelitten, alle nur mögliche Erstattung getan hatte.«

»Zum Exempel, wie pflegten es wohl Seine Majestät Ogul-Kan zu halten, wenn Sie einem etwa ohne Ursache den Kopf hatten abschlagen lassen?« – fragte Danischmend. »Besaßen Sie vielleicht das Geheimnis der magischen Mundkügelchen, womit der Prinz Thelamir seinem Bruder und der schönen Dely ihre Köpfe wieder aufsetzte, als er sie ihnen aus einem Irrtum der Eifersucht abgeschlagen hatte?«

»Wie begierig der Doktor nach diesem Anlaß schnappt, seine Belesenheit in den Geistermärchen zu zeigen!« flüsterte der junge Mirza dem Sultan zu.

»Danischmend«, sagte der Sultan, »hat den kleinen Fehler, die Freiheit unverschämt zu sein, die ihm als einem Philosophen zusteht, zuweilen zu mißbrauchen. Man muß es mit diesen Herren so genau nicht nehmen. Aber meinen Freund Ogul soll er ungehudelt lassen, wenn anders ein Philosoph eines guten Rates fähig ist.«

»Mit einem Worte«, fuhr Nurmahal fort, » Ogul war bei allen seinen Fehlern ein so ruhmwürdiger Fürst, daß selbst die damaligen Bonzen in Scheschian in die Wette eiferten, Gutes von ihm zu sagen. ›Nichts mangelte ihm, um der beste unter den Königen zu sein‹, sagten sie, ›als daß er, aller Hoffnung ungeachtet, die wir uns von ihm zu machen Ursache hatten, aus der Welt gegangen ist, ohne jemals dem großen Affen ein Opfer gebracht zu haben.‹«

»Wissen Sie auch, meine schön Sultanin«, sagte Schach-Gebal, »daß es nicht mehr bedarf, als was Sie uns eben zu melden beliebten, um Ihren Ogul auf die unwiderbringlichste Weise mit mir zu veruneinigen? Beim Barte des Propheten! der König, von welchem seine Bonzen in die Wette Gutes reden, muß – ich mag nicht sagen was er sein muß. Gehen Sie, gehen Sie, Nurmahal, nichts mehr von Ihrem Ogul! Er muß eine schwache, einfältige, leichtgläubige, hasenherzige Seele gewesen sein; das ist so klar wie der Tag. Seine Bonzen haben ihn gelobt! Welche Demonstration im Euklides beweist schärfer?«

»Wenn es der Philosophie jemals erlaubt sein könnte«, sagte Danischmend mit affektiertem Stottern, »dem König der Könige, meinem Herrn« –

»Nun, Doktor«, unterbrach ihn der Sultan, »laß hören, was du uns im Namen deiner gebietenden Dame zu sagen hast. Ich bin auf eine Impertinenz gefaßt. Nur heraus, aber nicht gestottert, Herr Danischmend, oder ich klingle« –

Der beste Sultan bleibt doch immer Sultan, wie man sieht. Diese Drohung, mit einer gewissen Miene begleitet, welche wenigstens besorgen ließ, daß er fähig sein könnte Ernst daraus zu machen, war nicht sehr geschickt, dem armen Danischmend Mut zu geben. Allein zu seinem Glücke kannte er den Sultan, seinen Herrn. Ohne sich also schrecken zu lassen, sagte er: »Die Philosophie, Sire, ist eine Unverschämte, wie Ihre Hoheit zu sagen geruhet haben; denn sie bedenkt sich keinen Augenblick, den Königen selbst unrecht zu geben, wenn die Könige unrecht haben. Aber in gegenwärtigem Fall ist meine demütige Meinung, Ihre Hoheit und die Philosophie könnten wohl beide recht haben. Das Lob der Bonzen, welches in Ihren Augen der größte Tadel ist den sich Ogul zuziehen konnte, war es unstreitig, wenn es von Herzen ging. [Fußnote] Gewissen sinnreichen Köpfen zum besten müssen wir hier eine dreifache Anmerkung machen: nämlich erstens, daß die Worte Bonze, Fakir und Derwisch, so oft sie in dieser Geschichte vorkommen, allezeit in der engsten Bedeutung genommen werden, und weiter nichts bedeuten als Bonzen, Fakirn und Derwischen; zweitens, daß Danischmend hier nicht von allem Verdacht einer schmeichlerischen Gefälligkeit gegen die unbillige Denkungsart seines Herrn frei gesprochen werden könne; und drittens, daß die angebliche Demonstration des Sultans sich augenscheinlich auf einen Trugschluß gründet, und also die Bonzen (welche wir übrigens verteidigen zu wollen weit entfernt sind) keineswegs treffen könne.

Anmerk. des latein. Übersetzers

Gleichwohl konnte, alles wohl erwogen, dem Sultan nicht zugemutet werden, anders zu schließen. Er schloß so: Meine Bonzen reden übel von mir, und ich mache mir eine Ehre aus ihrem Tadel; also ist ihr Lob unrühmlich: denn wär es rühmlich, so wäre mir's Schande, es nicht zu verdienen. Nun ist dies aber ein Gedanke, den ich nicht leiden kann; er ist also falsch; und was von mir gilt, das gilt auch von Ogul-Kan: denn, erweise ich ihm nicht die äußerste Ehre, die nur möglich ist, wenn ich ihn für meinesgleichen gelten lasse? – Diese Art zu schließen läßt sich freilich weder durch die Logik des Aristoteles noch der Herren von Port-Royal rechtfertigen. Aber seit die Welt in ihren Angeln geht, hat die Eigenliebe nie bessere Schlüsse gemacht.

Anmerk. des deutschen Übersetzers
Aber dies ist gerade die Frage; oder vielmehr, es ist keine Frage: denn wie konnte es von Herzen gehen, da sie alles Gute, was sie von ihm sagten, mit einem einzigen Aber wieder zurück nahmen? Was halfen dem guten König Ogul alle seine Tugenden? Ging er nicht aus der Welt, ohne dem großen Affen geopfert zu haben? Ihre Hoheit kennen diese Herren zu gut, um den ganzen Nachdruck eines solchen Vorwurfs nicht zu übersehen.«

»Du gestehst also doch ein«, erwiderte der Sultan, »daß sie ihn bis zum Himmel erhoben haben würden, wenn er sich hätte entschließen können, dem großen Affen zu opfern?«

»Mit Ihrer Hoheit Erlaubnis«, sagte Danischmend, »das gesteh ich nicht ein. In diesem Falle würden sie leicht einen andern Vorwand gefunden haben, ihr heuchlerisches Lob zu entkräften. Ihre Hoheit wissen, daß es nur ein einziges Mittel gibt, den aufrichtigen Beifall der Bonzen zu erlangen, und Ogul (mit aller Ehrerbietung, die ich ihm schuldig bin, sei es gesagt) scheint mir derjenige nicht zu sein, den jemals der Ehrgeiz geplagt hätte, eine so teure Ware zu kaufen.«

»Wie, wenn ich meinen Iman kommen ließe, die Frage zu entscheiden?« sagte der Sultan.

»Sein Ausspruch läßt sich erraten, ohne daß man darum mehr von der Kabbala zu verstehen nötig hat als andre«, versetzte Danischmend. »Er würde wider die Bonzen sprechen. Wie sollten Bonzen bei einem Iman recht haben können?«

»Ich denke, Danischmend hat sich ganz erträglich aus der Sache gezogen«, sagte Schach-Gebal.

»Ihre Hoheit beweisen durch Ihre Abneigung vor den Bonzen, daß Sie ein guter Musulmann sind«, sprach die schöne Nurmahal. »Aber der Geschichte getreu zu bleiben, muß ich sagen, daß die Bonzen, wenn sie Gutes von Ogul-Kan sprachen, hinlängliche Ursache dazu hatten. Es ist wahr, dieser Prinz betrog eine vielleicht ausschweifende Hoffnung, die sie auf etwas gegründet hatten, was vernünftiger Weise keine Grundlage zu einer solchen Hoffnung sein konnte, ›weil es bloß die Frucht weiser Grundsätze der Regierung war‹. Aber die Achtung, die er, diesen Grundsätzen zu Folge, ihrem Orden bewies; der Schutz, den sie von ihm genossen; und die behutsame Art, womit er in allen Sachen zu verfahren pflegte, die den unvernünftigen, aber nun einmal eingeführten Dienst des großen Affen betrafen; – berechtigten ihn allerdings, wo nicht zur Erkenntlichkeit, doch wenigstens zu einigem Grade von Billigkeit auf Seite der Bonzen. Und gesetzt auch, man wollte ihnen diese Tugend nicht gern ohne Beweis zugestehen; so ist doch zu vermuten, daß sie Klugheit genug hatten, aus Furcht zu tun, was gewöhnliche Menschen aus einem edlern Beweggrunde getan hätten.«

Unter dieser Rede der schönen Nurmahal entfuhr dem Sultan ein Ton, der ein Mittelding zwischen Seufzen und Gähnen war. Der Mirza gab der Dame das abgeredete Zeichen, und sie war im Begriff abzubrechen, als Schach-Gebal, der gerade bei guter Laune war, durch einen Wink zu erkennen gab, daß er ihrer Erzählung noch nicht überdrüssig sei.

»Ogul-Kan«, fuhr sie fort, »hatte etliche Nachfolger, welche über die Schaubühne gingen und wieder verschwanden, ohne irgend etwas so Gutes oder so Böses getan zu haben, daß es der Aufmerksamkeit der Nachwelt zu verdienen schien. Man nannte sie deswegen in den Jahrbüchern von Scheschian die namenlosen Könige; denn die Nation bekam so wenig Gelegenheit ihre Namen zu hören, daß die wenigsten sagen konnten, wie der regierende Sultan heiße. Wenn dieser Umstand der Nachwelt einen nur sehr mittelmäßigen Begriff von den Verdiensten dieser Prinzen gibt: so muß man doch gestehen, daß ihre Zeitgenossen sich vielleicht nicht desto schlimmer dabei befanden. Das Stillschweigen der Geschichte scheint wenigstens so viel zu beweisen, daß Scheschian unter ihrer unberühmten Regierung nicht unglücklich war; und nicht unglücklich sein, ist wenigstens ein sehr leidlicher Zustand« –

» Nur kann er nicht lange dauern«, sagte Danischmend: »denn dieser leidliche Zustand scheint mir bei einem ganzen Volke eben das zu sein, was bei einem einzelnen Menschen der Mittelstand zwischen Krankheit und Gesundheit ist; eines von beiden muß darauf erfolgen; entweder man wird wieder gesund, oder man schmachtet sich zu Tode.«

»Vielleicht würde dies der Fall der Scheschianer gewesen sein«, fuhr Nurmahal fort, »wenn der letzte von diesen namenlosen Königen nicht das Glück gehabt hätte, eine Geliebte zu besitzen, durch welche seine Regierung eine der merkwürdigsten und glänzendsten in der Geschichte dieses Reiches geworden ist.«

»Vortrefflich!« rief Schach-Gebal mit einer Grimasse: »ich liebe die Könige, welche die Erwähnung, so die Geschichte von ihnen tut, ihren Mätressen zu danken haben!«

»Ich muß nicht vergessen, Sire«, sagte die schöne Nurmahal, »daß die Scheschianer in diesem Stück eine Gewohnheit haben, worin sie, so viel ich weiß, von allen übrigen Völkern des Erdbodens abgehen; eine Gewohnheit, welche die Zahl der namenlosen Könige bei allen Nationen beträchtlich vermehren würde, wenn sie allenthalben eingeführt wäre. Nichts, was unter der Regierung eines Königes geschah, wurde dem Könige zugeschrieben, wofern er es nicht selbst getan hatte. Vortreffliche Gesetze und Anstalten konnten gemacht, Schlachten gewonnen, Provinzen erobert, oder (was wenigstens eben so gut ist) erhalten und verbessert werden, ohne daß der Ruhm des Königes den kleinsten Zuwachs dadurch erhielt. Alles was geschah, Gutes oder Böses, wurde demjenigen zugeschrieben der es getan hatte; und der König, der nichts getan hatte, war und blieb ein namenloser König, gesetzt auch, daß zu seiner Zeit die größten Dinge in seinem Reiche geschehen wären.«

»Nichts kann billiger sein«, sagte der Sultan. »Jedem das Seine! Einem Fürsten das Gute zuschreiben, das seine Minister tun (ich nehme den Fall aus, wo sie bloß die Werkzeuge, oder so zu sagen die Gliedmaßen sind, durch welche er, als die Seele des ganzen Staatskörpers, wirket) wäre eben so viel, als ihm ein Verdienst aus der Fruchtbarkeit seiner Länder zu machen, weil er die Sonne scheinen und Regen fallen läßt.«

Nurmahal, Danischmend und der junge Mirza erteilten dieser Anmerkung ihren Beifall in vollem Maße, und mit aller der Bewunderung, welche sie um so mehr verdiente, da sie wirklich uneigennütziger war, als Schach-Gebal selbst sich vielleicht schmeicheln mochte.

»Der gute König von Scheschian«, fuhr Nurmahal in ihrer Erzählung fort, »der zu dieser in dem Munde eines großen Monarchen so preiswürdigen Anmerkung Gelegenheit gegeben hat, was auch sein Name gewesen sein mag, verdient wenigstens das Lob eines guten Geschmacks in der Wahl seiner Günstlinge; denn die schöne Lili, seine Favoritin, war aus allem, was eine Person unsers Geschlechtes liebenswürdig machen kann, zusammen gesetzt. Und sollten ihr auch die Dichter, Maler, Bildhauer und Schaumünzenmacher ihrer Zeit geschmeichelt haben, so ist doch nicht zu leugnen, daß die Nation Ursache hatte, ihr Andenken zu segnen. Niemals ist eine größere Gönnerin der Künste gewesen, als die schöne Lili. Sie führte den Seidenbau in Scheschian ein, und zog eine Menge persischer, sinesischer und indischer Künstler herbei, welche durch ihren Vorschub alle Arten von Manufakturen zu Stande brachten. Die Scheschianer lernten unter ihrer Regierung – dies ist der eigene Ausdruck der Geschichtschreiber – Bequemlichkeiten und Wollüste kennen, von welchen die meisten noch keinen Begriff gehabt hatten. Man glaubte ihr den Genuß eines neuen und unendliche Mal angenehmern Daseins zu danken zu haben. Sie brachte die Schätze in einen belebenden Umlauf, die in den Schatzkammern der vorigen Könige, wie die Leichen der Pharaonen in ihren Pyramiden, auf eine unnützlich prahlerhafte Weise begraben lagen. Ihr Beispiel reizte die Großen und Begüterten zur Nachahmung. Die Hauptstadt bildete sich nach dem Hofe, und die Städte der Provinzen nach der Hauptstadt. Erfindsamkeit und Fleiß bestrebten sich in die Wette, den ganzen Staat in eine so lebhafte als heilsame Tätigkeit zu setzen; denn Erfindsamkeit und Fleiß war der gerade Weg zu Überfluß und Gemächlichkeit, und wer wünscht nicht so angenehm zu leben als möglich? Die wohltätige Lili machte die Einwohner von Scheschian auch mit den Reizungen der Musik und der Schauspiele bekannt; und so nachteilig in der Folge alle diese Geschenke ihrem Wohlstande wurden, so unleugbar ist es, daß sie anfangs eine sehr gute Wirkung taten. So wie sich das Gefühl der Scheschianer verfeinerte, so verschönerten sich auch zusehens ihre Sitten. Man wurde geselliger, sanfter, geschmeidiger, man vertrug sich besser, man lernte sich mit einander freuen, und fühlte sich selbst desto glücklicher, je größer die Menge der Glücklichen war, die man um sich sah, und so weiter; – denn es würde sehr unnötig sein, Ihrer Hoheit alle die guten Wirkungen des Geschmacks und der Künste vorzuzählen, von welchen Sie Selbst ein so großer Kenner und Beförderer sind. Freilich gab es hier und da milzsüchtige, zur Freude untüchtig gewordene Leute, die ein klägliches Geschrei über diese Neuerungen erhoben. ›Welche Greuel!‹ riefen sie, indem sie ihre übel gekämmten Köpfe mit Unglück-weissagender Miene schüttelten. ›Was werden die Früchte davon sein? Diese Liebe zu Gemächlichkeiten und Ergetzungen, dieser verfeinerte Geschmack, dieser herrschende Hang zur Sinnlichkeit, wird die Nation zu Grunde richten. Üppige Feiertage werden den Gewinn der arbeitsamen Tage, üppiger Aufwand den Überfluß der sparsamen Mäßigkeit verzehren; die Wollust wird den Müßiggang, der Müßiggang die ganze verderbliche Brut der Laster herbei ziehen. Die Reichen werden unersättlich werden, und bei aller Verfeinerung ihrer Empfindungen sich kein Bedenken machen, von dem Eigentume der Armen, so viel sie nur können, in ihren Strudel hinein zu ziehen. Die Armen werden eben so wenig gewissenhaft sein, alles, wie ungerecht und schändlich es immer sein mag, zu tun und zu leiden, wenn es nur ein Mittel abgeben kann, sich in den beneideten Zustand der Reichen zu schwingen. Ungeheuer von Lastern, unnatürliche Ausschweifungen, Verräterei, Giftmischerei und Vatermord werden durch ihre Gewöhnlichkeit endlich das Abscheuliche verlieren, das sie für die unverdorbene Menschheit haben; und nicht eher, als bis die Nation unwiederbringlich verloren ist, wird man gewahr werden, daß die schöne Lili die zauberische und geliebte Urheberin unsers Verderbens war.‹

Einige alte Leute, die im Laufe von sechzig oder siebzig Jahren weislich genug gelebt hatten, um im Alter noch nicht allem Anteil an den Freuden des Lebens entsagen zu müssen, sahen die Sache aus einem andern Gesichtspunkt an. – › Unsere milzsüchtigen und nervenlosen Brüder haben nicht ganz unrecht‹, sagten sie: ›Ergetzungen und Wollüste können, als die Würze des Lebens, durch übermäßigen Gebrauch nicht anders als schädlich sein. Die Natur hat sie zur Belohnung der Arbeit, nicht zur Beschäftigung des Müßiggangs bestimmt. Gleichwohl ist unleugbar, daß nicht die schöne Lili, sondern die Natur selbst, die Zaubrerin ist, die uns diesen göttlichen Nektar darreicht, den sie mit eigenen Händen für uns zubereitet hat, und wovon etliche Tropfen genug sind, uns aller Mühseligkeiten des Lebens vergessen zu machen. Oder ist es nicht die Natur, die den Menschen von einem Grade der Entwicklung zum andern fortführt, und, indem sie durch die Bedürfnisse seine Einbildungskraft und durch die Einbildungskraft seine Leidenschaften spielen macht, diese vermehrte Geselligkeit, dieses verfeinerte Gefühl, diese Erhöhung seiner empfindenden und tätigen Kräfte hervorbringt, wodurch der Kreis seiner Vergnügungen erweitert, und seine Fähigkeit, des Daseins froh zu werden, mit seinen Begierden zugleich vermehrt wird? Laßt uns also der Natur folgen; einer Führerin, die uns unmöglich irre führen kann! Nicht sie, – unsre Ungeduld, unsre Gierigkeit im Genießen, unsre Unachtsamkeit auf ihre Warnungen, ist es, was uns auf Abwege verleitet. Jede höhere Stufe, welche der Mensch betritt, erfodert eine andere Lebensordnung; und eben darum, weil der große Haufe der Sterblichen als unmündig anzusehen ist, und sich nicht selbst zu regieren weiß, muß er dieses Amt einer gesetzgebenden Macht überlassen, welche immer das Ganze übersehen, und ihren Untergebenen, mit jeder merklichen Veränderung ihrer Umstände, auch die darnach abgemessenen Verhaltungsregeln vorschreiben soll. Es lebe die schöne Lili! Sie hat sich ein Recht an unsre Dankbarkeit erworben, denn sie hat uns Gutes getan. Aber wenn sie sich nun auch gefallen lassen wollte, uns eine so vollkommene Polizei zu geben, als wir bedürfen, wenn uns ihre Geschenke nicht verderblich werden sollen: dann verdiente sie, wenigstens so gut als der große Affe, daß wir ihr Pagoden erbaueten!‹

Die schöne Lili hüpfte auf dem blumichten Wege fort, auf den eine wollüstige Einbildungskraft sie geleitet hatte, ohne sich um die Drohungen der einen, noch um die Warnungen der andern zu bekümmern. Sie genoß des Vergnügens, der Gegenstand der Liebe und Anbetung einer ganzen Nation zu sein. Umflattert von Freuden und Liebesgöttern, goß sie überall, so weit ihre Blicke reichten, süßes Vergessen aller Sorgen, Entzücken und Wonne aus. Hierin schien sie ihre eigene vollkommenste Befriedigung zu finden. Aber ihre Wohltätigkeit erstreckte sich nur auf den gegenwärtigen Augenblick. Ihre Sinnesart teilte sich unvermerkt der ganzen Nation mit, welches um so leichter geschehen mußte, da keine andre dem Menschen natürlicher ist. Man genoß des Lebens, und niemand dachte an die Zukunft.«

»Ich liebe diese Lili«, rief der Sultan in einem Anstoß von Lebhaftigkeit, den man seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte. »Ich muß bekannter mit ihr werden. Gute Nacht, Mirza und Danischmend! Nurmahal soll da bleiben, und mir das Bildnis der schönen Lili machen.«





Der goldne Spiegel